Happiness is overrated

Soweit die Kulturgeschichte zurückreicht gibt es Zeugnisse von der Suche der Menschen nach Enthemmung. Das alltägliche Zusammenleben bringt einige Einschränkungen in Sachen Selbstentäußerung mit sich. Offenbar scheint aber genau dies ein tiefsitzendes Bedürfnis zu sein, denn das Leben war noch nie eine Aneinanderreihung von Glückzuständen, sondern meist eher madig. Das möchte man aber nun nicht jeden Tag vor Augen haben und so besteht der Wunsch, aus dieser Wirklichkeit auszubrechen.
Nun ist es aber gesellschaftlich nicht wünschenswert, daß es leicht ist, sich über die erlernten Regeln hinwegzusetzen, sprich: konditioniertes Verhalten zu überwinden und daher geschieht genau das, was immer geschieht, wenn unerwünschtes Verhalten mit bestehenden Bedürfnissen kollidiert: Es entstehen geschützte Zusammenhänge, in denen verschiedene Regeln des alltäglichen Zusammenlebens nicht gelten, Rituale eben.
Wir kennen das, deshalb gibt es Gladiatorenkämpfe, Popkonzerte und Fußballspiele, wird Karneval gefeiert (Anektode am Rande: bei Peter Burke habe ich gelesen, daß es in der Frühen Neuzeit nachweislich höhere Geburtenraten ein Dreivierteljahr nach den üblichen Karnevalsfesten gab) und dergleichen mehr.
Im Privaten findet die Suche nach solchen Zeremonien ihre Entsprechung in Partys (ein Freund von mir begründete seine Haltung, das Zusammentreffen einander mehr oder weniger bekannter Menschen aus privatem Anlaß lieber „Bankett“ statt „Party“ zu nennen mit dem unsterblichen Satz: „Party“ klingt immer so, als müsse etwas kaputt gehen.)
Mir selbst ist solcherlei Verhalten vollkommen fremd, benötige ich doch für gewöhnlich zum Ausschalten zentraler Denksysteme ein großes Kettenblatt und mindestens 50km glatten Asphalts. Voraussetzungen, die auf den wenigsten Partys gegeben sind.
Nun mag es ähnlich ungeübte Partybesucher geben, die nicht wissen, wie sie sich richtig verhalten sollen. Ich neige dazu, Themen immer erst nach einem gewissen Zeitraum aufzugreifen. Dies mag als Erklärung dienen, warum dieser Beitrag erst jetzt, wo doch gerade eine Partysaison vorbei ist, auftaucht. Allerdings dürfen wir mit Gewißheit davon ausgehen, daß weitere folgen werden. Möge also das folgende hilfreich sein.

Hier nun meine Regeln für PrivatPartyBesucher:

1. Erwarten Sie nichts.

Es geht darum, sich treiben zu lassen, im Strom mitzuschwimmen. Konkreter sollten Erwartungen nicht sein. Egal mit wem, für wen und warum Sie hingehen.

2. Trinken Sie alkoholische Getränke.

Achten Sie aber so lange wie möglich darauf, ihren Alkoholpegel nicht höher steigen zu lassen als beim Großteil der übrigen Gäste.

3. Reden Sie.

Es ist zweitrangig was. Je länger der Abend dauert, desto irrelevanter wird das, was sie sagen. Schweigen ist aber definitiv falsch. Damit gelten sie schnell als unkommunikativ und landen bereits nach der ersten Runde im Abseits. Legen Sie sich also sicherheitshalber einen Vorrat leicht erzählbarer Anektoden zu, und zwar so, daß sie sie auch alkholisiert noch darbeiten können.

4. Trinken Sie alkoholische Getränke.

Achten Sie aber so lange wie möglich darauf, ihren Alkoholpegel nicht höher steigen zu lassen als beim Großteil der übrigen Gäste.

5. Tanzen Sie.

Die laute Musik wird nicht gespielt, weil gerade ein Forschungsprojekt des MPI läuft, bei dem die für Menschen maximal verträgliche Lautstärke und Beatzahl getestet werden soll. Nein, sie soll dazu anregen, sich zu bewegen. Das ist nicht weiter schwer, machen Sie einfach nach, was andere Ihnen vormachen (und Sie sollten warten, bis eine ausreichende Anzahl Gäste Ihnen etwas vormachen). Sie müssen sich nur trauen. Sollten Sie sich noch nicht trauen, befolgen Sie Regel 5.

6. Trinken Sie alkoholische Getränke.

Achten Sie aber so lange wie möglich darauf, ihren Alkoholpegel nicht höher steigen zu lassen als beim Großteil der übrigen Gäste.

7. Schreien Sie.

Wenn Sie sich nicht in den Ruhezonen (Balkon, Gästezimmer, Wohnzimmer – wo auch immer die Aschenbecher und der Knabberkram stehen) befinden, wird eine andere Kommunikation mit den Menschen, die nur wenige Zentimeter von Ihnen entfernt sind (von den anderen gar nicht erst zu reden), nicht möglich sein. Hier sollten Sie auf Dinge zurückgreifen, die sich in kurzen Sätzen mitteilen lassen. Sind Sie darin ungeübt, bereiten Sie geeignete Floskeln vor.

8. Trinken Sie alkoholische Getränke.

Achten Sie aber so lange wie möglich darauf, ihren Alkoholpegel nicht höher steigen zu lassen als beim Großteil der übrigen Gäste.

9. Bewegen Sie sich immer konzentrisch um den Mittelpunkt der Menge.

Das ist wichtig. Wenn Sie stehen bleiben, geraten Sie unversehens ins Abseits. Menschen, die sich nicht bewegen, werden nicht wahrgenommen.

10. Suchen Sie Augenkontakt.

Eine der wenigen Regeln, die wohl immer gilt, sobald Menschen zusammenkommen. Hier genügt ein simpler Blick auf Augenhöhe und Sie werden sofort angesprochen, ausreichende Alkoholisierung vorausgesetzt. Et Voilá.

11. Vermeiden Sie differenzierte Gespräche.

Niemand möchte auf einer Party mit Ihnen über Proust sprechen. Auch die Intertextualitäten in Joyce „Ulysses“ oder die Schnitttechnik in „Tote schlafen fest“ sind eher Bankett-Themen. Wenn Sie über Literatur sprechen wollen, erzählen Sie eine Anektode oder zitieren Sie Bukowski. Insgesamt sind Literatur und Kunst nur bedingt partytaugliche Themen. Zur Veranschaulichung: Erzählen Sie, daß David Hurst mal einen Hai in einen Acrylblock gegossen hat oder der Turner-Preis an eine Installation in einem leeren, weißen Raum ging, in der alle paar Sekunden das Licht an- und ausgeht. Ein anerkennendes Nicken sollten Sie dafür jederzeit ernten können. Widerstehen Sie jedoch unbedingt der Versuchung, über die Selbstreferentialität zeitgenössischer Kunst zu referieren. Sie wären sehr schnell sehr allein. Reden Sie lieber über Haustiere, Autos oder Sex (je nach Alkoholisierungsgrad). Halten Sie passsende Anektoden parat.

12. Trinken Sie alkoholische Getränke.

Achten Sie aber so lange wie möglich darauf, ihren Alkoholpegel nicht höher steigen zu lassen als beim Großteil der übrigen Gäste.

12a. Trinken Sie nichtalkoholische Getränke

Diese Regel gilt nur für den Fall, daß Ihnen das Ende der Party nicht egal ist. Sollten Sie keine Angst davor haben, mittags aufzuwachen und nicht zu wissen, warum sie wo mit wem liegen – ignorieren Sie diese Regel. Widrigenfalls sollten Sie dringend darauf achten, Ihren Alhoholpegel soweit zu drosseln, daß Sie jederzeit in der Lage wären, über die Selbstrefentialität der zeitgenössischen Kunst zu referieren. Hören Sie spätestens dann mit dem Genuß alkoholischer Getränke auf, wenn Sie glasige Blicke, debiles Grinsen und zunehmend stockenden Redefluß Ihrer gesprächspartner bemerken. Sollten Sie im Laufe des Abends keine solche Anzeichen bei anderen Partygästen finden, haben Sie zu schnell und zu viel getrunken.

Den Abschlußkommentar übernimmt heute vertretungsweise eine junge bitische Nachwuchsband, deren Ratschlag übrigens auch für anders als im von ihnenen gesungenen Text begründete Situationen gilt, die durch Mißachtung der Regel Nr. 1 entstanden sind.
Wenn Sie enttäuscht sind, gehen Sie. Und achten Sie beim nächsten Mal darauf, nichts zu erwarten. 😉

(The Beatles: I Don´t Wanna Spoil The Party – Lyrics)

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