Das Buch zum Sonntag (27)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Samuel Shem: House of God

Literatur vermag die Welt zu verändern. Eines der Beispiele dafür ist das heute empfohlene Werk. Die schonungslose Beschreibung des Klinikalltags in einem US-amerikanischen Krankenhaus war mindestens ein Katalysator für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ebendort.
Sicher, Literatur kann nach Ansicht einiger noch mehr: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ (Marx in der Einleitung zur „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“), aber das ist doch für einen Roman schon eine ganz hübsche Wirkung.

Doch ich schweife ab.
Shems „House of God“ gehört zu den bitterbösen Büchern im Fundus meiner Leseerfahrung. Die Ausgangssituation ist folgende: Sechs junge Mediziner beginnen ihr Praktikum im Krankenhaus „House of God“, unter ihnen der Ich-Erzähler Roy Basch. Junge, ausgebildete Ärzte, bereit der Menschheit zu dienen und Heilung zu bringen.
Was sie erwartet, ist ein zynischer, fabrikartiger Betrieb, ein industrialisierter Heilbetrieb in dem die größte Herausforderung darin besteht, Patienten ruhigzustellen und loszuwerden, nachdem der Höchstbetrag an Einnahmen mit ihnen erzielt wurde.
Gleichzeitig sind die Jungärzte diejenigen, die sämtliche Arbeit übernehmen, die nahezu einzigen Festangestellten, die Ameisen des Betriebs, diejenigen, die den ganzen abartigen Zynismus desselben aushalten müssen. Was auch immer gegen das deutsche Gesundheitssystem zu sagen ist (und das ist wahrlich eine Menge): Die direkte, unmittelbare Abhängigkeit, die eine rein privatwirtschaftliche Organisation des Gesundheitssektors mit sich bringt, vergrößert das Dilemma massiv.
Und sie reagieren ganz so, wie Menschen zu reagieren pflegen: Ein jeder nach seiner Art: Resignation, Depression, Zynismus.
Wie aber hält man so etwas aus? Man muß einen Weg finden – und Generationen von Residents haben ihn gefunden. Sie schaffen sich eine Überlebensstrategie:

REGELN DES HOUSE OF GOD

1. Gomers sterben nicht.
2. Gomers gehen zu Boden.
3. Bei Herzstillstand zuerst den eigenen Puls fühlen.
4. Der Patient ist derjenige, der krank ist.
5. Zuerst an Verlegung denken.
6. Es gibt keine Körperhöhle, die nicht mit einer 14er Kanüle und einem sicheren, starken Arm erreicht werden kann.
7. Alter + Serum-Harnstoff = Lasixdosis.
8. Sie können dich immer noch mehr quälen.
9. Die einzige gute Aufnahme ist eine tote Aufnahme.
10. Wenn du keine Temperatur mißt, stellst du auch kein Fieber fest.
11. Zeige mir einen BMS, der meine Arbeit nur verdreifacht, und ich werde ihm die Füße küssen.
12. Wenn der Radiologie-Resident und der BMS auf einer Thoraxaufnahme etwas Auffälliges sehen, kann dort nichts Auffälliges sein.
13. Ärztliche Betreuung besteht darin, so wenig wie möglich zu tun.

(S. 478)

Ich erkläre jetzt bewußt nichts weiter dazu.
Keiner der sechs Gefährten ist ein unsympathisches Arschloch. Sicher, jeder hat seine Gründe, Arzt geworden zu sein – doch wirklich unsympathisch? Nein. Diese Rolle übernimmt „Der Dicke“, der erste Resident, dem Roy zugeteilt wird. Beobachten wir ihn mal bei seinem ersten Auftritt:

[…]“OK, fangen wir die Visite ohne den andren Intern an.“
Gut“ sagte einer der Studenten und stand auf. „Ich hole den Aktenwagen. An welchem Ende der Station beginnen wir?“
„Setzen Sie sich!“ sagte der Dicke. „Was reden Sie da?“
„Wollen wir nicht Visite machen?“ fragte der BMS.
„Das wollen wir, und zwar genau hier.“
„Aber… aber sehen wir uns die Patienten nicht an?“
„In der Inneren Medizin muß man sich die Patienten nicht ansehen. Allen Patienten geht es besser, wenn man sie nicht sieht. Sehen Sie diese Finger?“
Wir sahen uns die kurzen fetten Finger des Dicken aufmerksam an.
„Diese Finger berühren den Körper eines Patienten nur, wenn es sein muß. Sie wollen Körper sehen, gut, gehen Sie, sehen Sie sie sich an. Ich habe genügend Körper gesehen, vor allem von Gomers, das reicht mir fürs ganze Leben.“
„Was ist ein Gomer?“ fragte ich.
„Was ein Gomer ist?“ sagte der Dicke. Mit einem kleinen Grinsen buchstabierte er: „G-O …“
[…]
„Laßt gut sein“, sagte der Dicke. „Hören Sie zu. Ich war heute eigentlich nicht als Ihr Resident vorgesehen. Eine Frau namens Jo sollte es sein, aber ihr Vater ist gestern von einer Brücke gesprungen und ist tot. Das House hat unsere Dienstpläne getauscht, und so bin ich jetzt für die nächsten drei Wochen Ihr Resident. Nach allem, was ich im letzten Jahr als Intern angestellt habe, wollte man mir eigentlich die neuen Interns nicht ausliefern, aber sie hatten keine Wahl. Und warum wollen sie nicht, daß Sie an Ihrem ersten Tag als Ärzte ausgerechnet auf mich stoßen? Weil ich alles sage, wie es ist – keine Quatschologie. Der Fisch und der Leggo wollen nicht, daß Sie zu schnell entmutigt werden. Und sie haben recht. Wenn sie jetzt schon genauso deprimiert beginnen, wie Sie im Februar sein werden, springen Sie im Februar von einer Brücke, genau wie der Paps von Jo. Der Fisch und der Leggo wollen, daß Sie sich ihre Illusionen erhalten, damit Sie nicht in Panik geraten. Ich weiß genau, wieviel Angst Sie heute haben.“

(S. 39ff.)

Bei allen Verbesserungen, die in den dreißig Jahren seit Erscheinen des Buches geschehen sein mögen – es handelt sich dabei letztlich nur um das Herumdoktern an einem grundsätzlichen Widerspruch, an einem ganz teifliegenden Problem: Der Pervertierung des Arzt-Patient-Verhältnisses. Und daran hat sich rein gar nichts geändert.
Und deshalb gehört dieser Roman noch immer zur Grundausstattung eines jeden Medizin-Studenten.
Zu Recht.

Noch zwei Bemerkungen zum Schluß:
1. Ich empfehle nach der Lektüre von „House of God“ die erste Staffel „Scrubs“ erneut zu sehen. Aha-Erlebnisse garantiert.
2. Das Buch gehört zu den zwei Tests, die ich mir bisher zurechtgelegt habe. So, wie ich finde, daß jeder, der Soldat werden möchte, vorher „Es ist an der Zeit“ hören sollte, sollte jeder, der Arzt werden möchte, „House of God“ lesen. Einfach, um sicherzugehen, daß die Leute wissen, worauf sie sich einlassen. Wer sich des fundementalen Widerspruchs des jeweiligen Berufes bewußt ist, hat auch viel eher die Chance, einen Weg zu finden, dabei geistig gesund zu bleiben – und mithin auch seinen Beruf gut auszuüben.

Nun noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

P.S. Interessanterweise erschien der Roman erst 18 Jahre nach der Erstveröffentlichung in deutscher Übersetzung – und dann bei Urban & Fischer, einem medizinischen Fachverlag. 😉

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