Ballade über die Unzulänglichkeit des menschlichen Konsumstrebens

Vielleicht gibt es ja in der geneigten Leserschaft ein paar Welterklärer, die mir hier mit einleuchtenden Argumenten weiterhelfen können, bis dahin jedoch verbleibe ich im echauffierten Empörergestus des in seinen Bedürfnissen ignorierten Kunden.

Anläßlich des betrüblichen Nachlassens der Funktionalität meiner Funktionsjacke (an sich eine putzige Sache: Nach einem der zahlreichen Dauerregen der letzten Wochen stellte ich fest, daß die Imprägnierung meiner Jacke hinüber ist und also erneuert werden sollte – als ich dann mit einem Finger an einer Stelle hängenblieb, an der es dafür eigentlich keinen Anlaß gäbe, offenbarten sich mir einige offene Nähte, woraufhin ich die mangelnde Imprägnierung zu einem marginalen Problem zurückstufte) entschloß ich mich, irgendwie die Zeit bis zum Winterschlußverkauf herumzubekommen und dann einen Neuerwerb ernsthaft in Betracht zu ziehen (achja, ich muß nicht erwähnen, daß das Kaufdatum der Jacke exakt 26 Monate zurückliegt, oder?).

Besonders lange muß ich aber wohl nicht warten, denn wie ich feststellen durfte, hat dieser bereits begonnen. Irre ich mich oder rückt der Termin dafür jedes Jahr weiter nach vorn?
Ich meine: Hallo? Eine Woche nach Winterbeginn? Gehts noch?
Meine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse im allgemeinen und zur Funktionsweise des Textilhandels im speziellen sind, nun ja, eher knapp. Mir ist es daher schleierhaft, wieso das Sinn macht. Antizyklisches Verhalten war ja eher als Ratschlag an die Finanzpolitik gedacht, aber bitte – wenn es Sinn macht, mitten im Winter Wintersachen zu verramschen habe ich die Handelsspanne wohl bisher falsch eingeschätzt. Seis drum. Krieg ich meine Jacke ja auch billiger.

Was mich aber von Jahr zu Jahr zunehmend ärgert, ist die Tatsache, daß ich Dinge kaufen muß, wenn ich sie nicht brauche, während ich doch annahm, das Erfolgsgeheimnis des Handels läge darin, das zu verkaufen, was die Leute grade brauchen. Habt ihr schon mal versucht, Mitte Januar (also im tiefsten Winter) Winterschuhe für die Kinder zu kaufen, weil die blöderweise grade den ihren entwachsen sind? Vergeßt es.

Und der Knaller ist das Unverständnis im Gesicht einer Verkäuferin, wenn man Mitte August nach Sandaletten fragt. Großartig. Wie kann man nur auf die Idee kommen, bei 30 Grad im Schatten Sandalen kaufen zu wollen, das macht man doch im März beim üblichen Frühlingsregen. Stimmt da mit meinen Synapsen was nicht? Habe ich da eine Fehlfunktion, wenn ich die Assoziation: „Oh, es ist Frühling – ich werde in einem Vierteljahr Sandalen brauchen, let´s go to Gutes Geschäft.“ nicht habe?
Wenn ich die Wachsstumsschübe meiner Kinder nicht exakt in Zeit und Umfang vorhersagen kann, sollte ich dann vielleicht die Supernanny anrufen? Ich frage wirklich: Was soll das?

Allerorten wird darüber geschimpft, daß es bereits im August, spätestens aber im September in sämtlichen Supermärkten und Discountern Weihnachtsgebäck und -schokolade zu kaufen gibt. Aber die gibt es dann wenigstens auch bis Weihnachten. Was die Textilhändler da treiben, ist, das Weihnachtsgebäck im August anzubieten und ab Ende Oktober zu verramschen, so daß pünktlich zum ersten Advent alles alle ist und die Osterhasen ins Regal können.
Warum?
Und was mich noch viel brennender interessiert: Warum funktioniert das? Warum gehen die nicht reihenweise pleite? Stecken die Illuminaten dahinter?
Habe ich da wirklich irgendeinen Denkfehler drin oder ist es tatsächlich abartig, zu erwarten, im Winter Wintersachen kaufen zu können?
Sind die Leute in der DDR vor zwanzig Jahren wirklich auf die Straße gegangen, um jetzt doch wieder alles dann kaufen zu müssen, wenn es denn zufällig grad mal was gibt?

Naja, ich freu mich jedenfalls auf die Bademoden-Kampagne von H&M zu Weihnachten 2020.

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