Das Buch zum Sonntag (31)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Joey Goebel: Vincent

„In Brandenburg, in Brandenburg / Ist wieder jemand voll in die Allee gegurkt / Was soll man auch machen, mit Siebzehn, Achtzehn in Brandenburg.“ singt Rainald Grebe über eine eher strukturschwache Region, wie der offizielle, wohl mindestens euphemistisch zu nennende Sprachgebrauch lautet.
Joey Goebel wurde in Henderson, Kentucky geboren und über diese Gegend ließe sich wohl ähnliches singen. Glücklicherweise fand er aber anderes zu tun als mit Siebzehn, Achtzehn gegen einen Baum zu fahren. Stattdessen gründete er eine Punkband, mit der fünf Jahre durch den Mittleren Westen tourt. Nach einigen ersten Versuchen und einem eher schwach zu nennenden ersten Roman (Anomalies 2003, dt. Freaks, 2006)* erschien 2004 Vincent.
Ich bin immer etwas skeptisch, wenn junge Autoren gefeiert und hoch gelobt werden. Wahrscheinlich liegt das am BestsellerReflex des Buchhändlers, für den der literarische Wert eines Werkes umgekehrt proportional zu dessen Platzierung in der Bestsellerliste verläuft. Diese langjährig antrainierte Skespis dem Geschmack des Publikums gegenüber (die auch anders begründet sein kann, denn wer braucht eine gute Beratung, wenn die Bestseller schon tolle Bücher sind? – auf einem Meer ohne Untiefen ist der Lotse überflüssig) ist aber nichtsdestotrotz immer wieder unbegründet. Thomas Mann war bei der Veröffentlichung der „Buddenbrooks“ 25 Jahre alt und weit seltener als man meint, verkauft sich gute Literatur tatsächlich gut. 😉
Um ganz ähnliche Fragen dreht sich Goebels Roman. Es geht um ein Experiment. Um die Frage, ob die Marktmacht eines globalen Medienkonzerns (IUI/Globe-Terner) eingesetzt werden kann, um statt hirnloser Massenware echte, authentische und hochwertige Kunst zu verkaufen, wenn der Besitzer (Foster Lipowitz) das einfach will.

Als Mr. Lipowitz siebzig wurde, hatte der Krebs bereits begonnen, seine Eingeweide wegzufressen, und dabei seine Sichtweise verändert, was Tausenddollarscheine und teure Nutten anging. Dies galt auch für die Tricks, mit denen er bisher buchprüfende Bundesbehörden und klagende Anteilseigner hingehalten hatte, und auch für das jahrzehntelange Betrügen und brutale Abschlachten seiner Konkurrenten. Er begann eine umfassende Inventur seines großen Unternehmens, und was er sah, gefiel ihm gar nicht. Er machte sich allmählich Sorgen, was er hinterlassen würde, und aus dieser Sorge, aus Schuld und Ekel, erwuchsen die Ideen, aus denen schließlich New Renaissance entstehen sollte (eine Tochtergesellschaft von IUI/Globe-Terner).

(S. 26)

Dabei gilt es zwei Problemkreise zu bedenken:
a) Werden die Konsumenten das auch tatsächlich kaufen? und
b) Wie läßt sich hochwertige Kunst planbar produzieren?

Und für letzteres denken sich die Strategen eine wunderbare Idee aus. Sie gründen ein Institut, an dem talentierte, empfindsame Künstler von Kindesbeinen an ausgebildet werden, um gute Musik zu schreiben. Dafür freilich braucht es auch gute Mentoren. Fündig werden sie bei Harlan Eiffler, der Plattenkritiken wie diese schreibt:

Daß eine solche öde Banalität die Gestalt einer Compact Dis annehmen durfte und mit der geballten Macht etlicher hunderttausend Dollar auf den Markt geworfen wird, hat mit Qualität nichts zu tun. […] Ich kann ihn förmlich hören, den Schluß der Sitzung, auf der die Veröffentlichung von Always and Never beschlossen wurde:

PLATTENMANAGER: Ich soll also etwas herausbringen, das im Grunde nichts ist als eine Ansammlung der üblichen geräusche und leblosen Melodien, die man sofort wieder vergißt. Und das alles von einer Stimme gesungen, die genauso klingt wie die Stimmen acht anderer Leadsänger in acht anderen Bands, die ihr dreist abkupfert?
SCHWACHKOPF VON D-PRAYVD: Ja.
PLATTENMANAGER: Klar, warum nicht?! Hier ist euer Plattenvertrag!

Mir ist klar, daß ich noch nichts über den Inhalt dieser Platte gesagt habe. Was ich auch nicht vorhabe, denn sie hat keinen. Diese Abart des sogenannten Modern Rock ist ein zu Tode gerittenes Pferd, das man geschlagen, gehäutet, in Scheiben geschnitten, tiefgefroren, gegessen, verdaut, wiedergekäut und noch mal verspeist hat. Ohne auch nur eine Sekunde dieses Albums zu kennen, hat man die Band gehört und ihr Video gesehen. Und dennoch wird man höchstwahrscheinlich dieses gottverdammte Produkt kaufen.
Das alles stimmt mich traurig.

(S. 76ff.)**

Kein Wunder, daß Harlan, sich für dieses Projekt einspannen ließ. Krux an der ganzen Sache ist nun folgendes: Die Grundidee von „New Renaissance“ ist, daß wahre Kunstwerke entstehen, wenn der Künstler leidet. Woraus die logische Gleichung entsteht: Je mehr Leid, desto größer die Kunst.
Vincent wird im Alter von sieben Jahren in das Programm aufgenommen, zu dessen Konzept die absolute Kontrolle über das Leben der Schützlinge gehört, wir verfolgen seinen Weg ins Erwachsenenalter – viel Zeit für viel Leiden. Und Harlan, sein Mentor und Freund, ist stets für das Fortlaufen des Programmes verantwortlich.
Die Geschichte Vincents ist eine bitterböse Satire auf das Musikgeschäft und die hehren Ansprüche des Künstlerseins in einem kapitalistischen System. Und Joey Gobel gelingt es, glaubwürdige Charaktere zu schaffen, denen man gerne folgt und er schafft die Gratwanderung zwischen satirischer Überzeichnung, herzerfrischenden Attacken und der Linie, die ein Roman braucht, will er als solcher lesbar bleiben. ich bin jedenfalls dem Charme seines lockeren, ironischen Stils erlegen. Es gibt nur wenige Autoren, denen ich bereit bin, auch durch schlechtere Werke zu folgen. Joey Goebel steht auf dieser Liste.

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

* Daniel Keel, Verleger bei Diogenes, meinte einmal: „Wir machen Autoren, keine einzelnen Bücher.“ Was in der Konsequenz eben auch bedeutet, schlechte Bücher zu drucken. Weshalb denn auch nach der Veröffentlichung von „Vincent“ auch „Freaks“ erschien. Chapeau.
** Und, wieviele Bands kamen euch spontan in den Sinn, auf die diese Kritik zutrifft?

Advertisements
Das Buch zum Sonntag (31)

Das Buch zum Sonntag (30)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Theodore Dreiser: Schwester Carrie

Dreiser gehört zu meinen sehr frühen Leseerfahrungen. Neben May und Verne zu den frühesten, an die ich mich bewußt erinnern kann. Vulgärpsychologisch begründet behaupte ich sogar, daß meine Vorliebe für bis zur Selbstzerstörung scheiternde Helden mit dieser Lektüre zusammenhängt.
Der Autor gehört zu den wichtigsten Vertretern des US-Amerikanischen Naturalismus und war hierzulande bis in die Siebziger ein vielgelesener Autor, vor allem geschätzt wegen seiner treffenden Beschreibung sozialer Milieus und seiner überzeugenden Charaktere.
Bei vielen Werken, so auch bei meiner Erstlektüre (Eine Amerikanische Tragödie), steht Dreiser allerdings sein Hang zu umfassenden, manchmal ermüdend ausschweifenden Beschreibungen im Wege – so etwas gelingt nur, wenn man gleichzeitig über eine virtuose Sprachbeherrschung verfügt. Dreiser jedoch, Sohn einer deutschen Einwandererfamilie, schreibt in eher einfachem Stil.
Dieser Kritikpunkt trifft jedoch auf seinen Erstling, der eine bewegte Editionsgeschichte* hat, nicht zu.
Erzählt wird die Geschichte von Carrie Meeber, einer 18jährigen jungen Frau, die aus Wisconsin nach Chicago zieht, um dort ihr Glück zu versuchen. Zunächst untergekommen bei Verwandten, begibt sie sich alsbald hoffnungsvoll auf Arbeitssuche.

In dieses wichtige Geschäftsquartier wagte sich die schüchterne Carrie vor. Sie ging die Van-Buren-Straße in östlicher Richtung entlang, durch eine weniger bemerkenswerte Gegend, die in eine Masse von Blockhäusern und Kohlenhöfen bis zum Flusse abebbt. Tapfer schritt Carrie vorwärts. Es trieb sie der ehrliche Wunsch, Arbeit zu finden. Doch bei jedem Schritte mußte sie stehenbleiben, eine Szene zu betrachten, die sie besonders anzog, und inmitten von so viel offensichtlicher Macht, die sie nicht begriff, bemächtigte sich ihrer ein Gefühl der Hilflosigkeit. Was waren diese großen Gebäude? Diese seltsamen gewaltigen Interessen – welchem Zwecke dienten sie? Sie hätte den Sinn einer Steinschneidewerkstätte in Columbia begreifen können, in der kleine Marmorstücke zu persönlichem Gebrauch zerschnitten werden. Doch als die Arbeitsplätze irgendeiner ungeheuren Steinwarengesellschaft in Sicht kamen, die, von vielen Geleisen und Waggons erfüllt, flußwärts von Docks durchschnitten wurden, während sich gewaltig-rollende Krane aus Holz und Stahl in die Luft reckten – da verlor dies in ihrer kleinen Welt jede Bedeutung.
So ging es ihr mit den großen Rangierbahnhöfen, den dichten Massen von Schiffen auf dem Flusse, den riesigen Fabrikanlagen jenseits der Straße, das Wasser entlang. Durch die offenen Fenster konnte sie die Gestalten von Männern und Frauen in Arbeitsschürzen erblicken, die geschäftig ab und zu eilten. Die breiten Straßen schienen ihr wandumzäunte Geheimnisse, die großen Geschäftshäuser seltsame Wunderdinge, die nur bedeutende, weit entfernte Einzelwesen betrafen. Die Leute, die damit zu tun hatten, konnte sie sich nur so vorstellen: Geld zählend, prachtvoll gekleidet, in Wagen fahrend. Womit sie handelten, wie, zu welchem Ende sie arbeiteten – davon hatte sie nur eine ganz dunkle Vorstellung. Es war alles wundervfoll, alles gewaltig, alles sehr weit von ihr und im Innersten fühlte sie sich entmutigt. Das Herz klopfte ihr ängstlich, wenn sie daran dachte, irgendeines dieser mächtigen Gebäude zu betreten und dort um Arbeit zu bitten – um etwas, das sie tun konnte – irgend etwas.

(S. 11f.)**

Nun, nach einer langen, ermüdenden Suche voller Demütigungen (auch im Chicago des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatten ungelernte junge Frauen vom Land nicht gerade die besten Karten auf dem Arbeitsmarkt) fand Carrie schließlich eine Stelle in einer Schuhfabrik, in der sie eine Maschine bediente, die Lederstücke für Männerschuhe lochte. Die Atmosphäre dort, die Menschen, mit denen sie zu tun hatte – nichts davon entsprach ihren hochfliegenden Plänen, die sie sich bei ihrer Anreise nach Chicago gemacht hatte. Hören wir mal kurz rein:

Die Maschinenarbeiterinnen machten auf sie einen noch schlechteren Eindruck. Sie schienen mit ihrem Schicksal zufrieden und waren recht gewöhnlich. Ihr Rotwerden verstanden sie nicht. Carrie besaß mehr Einbildungskraft als sie. Ihr angeborener Geschmack war feiner. Sie mochte nicht ihrer Nachbarin zuhören, die ihre Erfahrungen abgestumpft hatten.
„Ich werde meine Arbeit hier aufgeben“, hörte sie Carrie zu einem Mädchen sagen. „Bei diesem Lohn – und das Spätaufbleiben – das hält meine Gesundheit nicht aus.“ Die Mädchen waren in ihrem Benehmen mit den anwesenden alten und jungen Männern sehr ungezwungen, trieben rohe Späße, die Carrie im Innersten mißfielen. Sie sah ein, daß man sie für gleichartig hielt und demgemäß ansprach.
„Hallo“, sagte einer der starkgelenkigen Sohlenarbeiter mittags zu ihr, „du bist aber ein netter Käfer.“ Er erwartete das übliche: Ah – schau, daß du fortkommst, zu hören und fühlte sich genügend beschämt, um verlegen zu grinsen, als Carrie sich schweigend zurückzog und ihn keines weiteren Blickes würdigte.
Abends war sie vielleicht noch einsamer – es wurde immer schwerer, die Öde zu ertragen. Hansons empfingen selten oder niemals Leute bei sich.

(S. 38)

Sie hat es wirklich nicht leicht. Vom Lande stammend, wo das Leben schwer und nicht ohne Entbehrungen war, aber eben doch keine Sorgen um das tägliche Auskommen bestanden, wird sie nun mit der Tatsache konfrontiert, daß Überleben in der Stadt von Geld – und mithin von Arbeit abhängt. Daß sie von ihren viereinhalb Dollar Wochenlohn 4 Dollar Kostgeld an ihre Verwandten zahlen muß, machte die Sache nicht leichter. Als dann der Winter naht und Carrie über keine ausreichende Winterkleidung verfügt, passiert, was passieren mußte: Sie wird krank, verliert darob ihre Stelle und steht kurz davor, ihr Abenteuer Großstadt abbrechen zu müssen, als sie bei ihrer zunehmend verzweifelten Suche nach Arbeit eine Reisebekanntschaft wiedertrifft. Wie könnte er ihr anders als der edle Ritter erscheinen, zu nichts anderem da, als ihr aus der Not zu helfen?
er lädt sie zum Essen ein und – nunja:

Sein neuer Anzug krachte, als er sich streckte, die Platte zu erreichen, das Brot zu brechen, den Kaffee einzuschenken. Er setzte Carrie einen tüchtigen Teller voll vor und teilte ihr seine Körperwärme mit, bis sie sich als neuen Menschen fühlte. Ein kapitaler Kerl in dem richtigen, volkstümlichen Sinne, der Carrie völlig bezwang.
Die kleine Glückssucherin nahm die gute Wendung dankbar und leichten Herzens an. Sie fühlte sich nicht ganz auf dem richtigen Platze, aber der große Raum beruhigte sie auch und der Anblick der draußen vorüberwogenden gutgekleideten Menge schien ihr herrlich. Ach, Geld, Geld! Was das heißt, hierher kommen, hier essen zu können! Drouet war gewiß reich. Er fuhr so oft mit der Eisenbahn, trug so hübsche Kleider, war so stark, speiste an so noblen Orten. Er schien ihr ein ganzer Mann und sie fragte sich, ob er wirklich Freundschaft und Achtung für sie empfinde.
„Also, Sie haben Ihre Stelle verloren, weil Sie krank wurden, was?“ fragte er. „Und was werden Sie jetzt anfangen?“
„Mich umsehen“, sagte sie. Der Gedanke an die Not, die sich draußen vor dem Restaurant gleich einem hungrigen Hund an ihre Fersen heften würde, flackerte in ihren Augen.
„Oh nein“, sagte Drouet. „Das geht nicht. Wie lange haben Sie sich schon so umgesehen?“
„Vier Tage.“
„Sieh einmal!“ sagte er, als wendete er sich an irgendein problematisches Wesen. „Sowas sollten Sie nicht tun. Diese Mädchen“, in seiner wehenden Handbewegung schloß er alle Laden- und Fabriksmädchen ein, „diese Mädchen kriegen gar nichts. Sie können doch nicht davon leben, was?“
Nachdem er sie über diese Art Arbeit aufgeklärt, verfolgte er eine andere Fährte. Carrie war wirklich sehr hübsch. Sogar jetzt, in ihrem billigen Kleidchen, machte ihre Gestalt einen guten Eindruck, ihre Augen waren groß und sanft. Drouet blickte sie an und seine Gedanken fanden Widerhall.

(S. 43)

Auch wenn es hier nicht so anklingt: Carrie ist eine höchst interessante Figur. Sie entwickelt sich im Laufe des Romanes erheblich weiter. Die Handlung verläuft nicht ganz so geradlinig weiter, wie es am Anfang den Anschein hat. Und ich schätze diesen Roman besonders, weil sich hier Dreisers Beobachtungsgabe, sein Gefühl für Motive, Gefühle und Denkstrukturen mit einem unaufgeregten, sachlichen Stil trifft. Die Umbruchzeit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert mag andere Details kennen, aber die grundlegenden Punkte der urbanen Lebenswelt bleiben dieselben. Was die Helden dieses Romanes antreibt, geht auch heute noch als Antriebsfeder durch.

Mit der Lieferbarkeit ist das so eine Sache. Wer des Englischen ausreichend mächtig ist, sollte zu einer Ausgabe greifen, die nach 1980 erschienen ist, da erst dann eine vollständige Fassung erschienen ist (es gab diverse Zensurmaßnahmen bei den Erstausgaben 1900 und 1907). Eine deutsche Neuübersetzung auf Grundlage dieser Fassung wäre geboten, ist aber bisher nicht geschehen, wird wahrscheinlich auch vo 2016 auch nicht mehr erscheinen (dann ist Dreiser gemeinfrei und auch die 25 Jahre für die Neubearbeitung sind dann rum).
Es gibt derzeit keine lieferbare deutsche Ausgabe, daher hier ein Verweis auf die Plattform des bösen Versandhändlers, der Antiquariatsmarkt bietet allerdings auch so reichlich verfügbare Ausgaben und da es sich bei allen um ein- und dieselbe Übersetzung handelt, kann die geneigte Leserschaft frei wählen.

*siehe hierzu: Kindlers Neues Literaturlexikon oder das Nachwort der hier zitierten Ausgabe. Ich kann hier nicht weiter ins Detail gehen, ohne wesentliche Elemente der Geschichte zu verraten. 😉
** zitiert nach: Dreiser: Schwester Carrie. Ille & Riemer. Leipzig/Weißenfels 2004.

Das Buch zum Sonntag (30)

Das Buch zum Sonntag (29)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

E.W. Heine: Kinkerlitzchen

Heines „Kille Kille Geschichten“, zu denen auch dieser Erzählungsband gehört, sind ganz hervorragende Beispiele für bitterböses Erzählen. Immer wieder gelingt es ihm, den Lesenden in Sicherheit zu wiegen, ihm eine Idylle oder wenigstens eine harmlose Geschichte vorzugaukeln, um ihm dann ein böses Ende zu bescheren.
Er gehört damit in die im angloamerikanischen Raum ja durchaus verbreiteten Schauergeschichten, die viel stärker mit hinterrücks agierenden Wendungen als mit Horror oder düsteren Stimmungen arbeiten, wie wir es beispielsweise aus der romantischen Tradition in der deutschen Literatur kennen.
Aber eben diese Pointen machen den Reiz aus – und eben auch den Witz. Es ist ein diebisches Vergnügen, im letzten Satz einer Erzählung erst deren wahren Kern zu begreifen. Und wie das Gehirn nunmal so ist: Auf derartige Verwirrungen reagiert es mit Lachen.

Es wird der geneigten Leserschaft verständlich sein, daß ich bei dieser Methode des Autors schlechterdings nicht umfassend zitieren kann, denn Pointen verraten ist nun wirklich die unterste Schublade des Spoilerns. 😉
Ich versuche es daher einmal mit ein paar unverfänglichen Stellen, die aber vielleicht doch geeignet sind, einen Eindruck von E.W. Heines Erzählstil zu bekommen:

„Konservative Individualisten“, nannte Theodor Heuss die Münsterländler. Die Eigenbrötlerei der Menschen hier ist sprichwörtlich. Die folgende Geschichte mag das bezeugen.
Theodor Tödden war Professor für Neuro-Ophtalmologie an der Universität von Münster. Er war hager, hellhäutig, klein und kahlköpfig. Mit anderen Worten: Er war nicht nur Professor, er sah auch so aus.
Kalle Knipperdolling dagegen sa aus wie ein Metzger, und das war er auch. Er war der lebende Beweis für die Worte des heiligen Augustinus: Du wirst, was du denkst und tust. Alles Fleisch an ihm war schweinern: die blassen, viel zu großen Ohren, das Doppelkinnn, die Hängebacken. Aus kleinen Schweinsäuglein, umrahmt von fabrlosen Ferkelwimpern, blickte er in die Welt.
Beide so ungleiche Männer verband eine enge Freundschaft miteinander. Wer sie kannte, fragte sich: Wie ist so etwas möglich: ein hochtitulierter Akademiker und ein Kopfschlächter?
Aber es gab auch eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten. Beide Männer waren begeisterte Ballonfahrer, beide waren unbeweibt, und beide hatten ein Glasauge, der Metzger nach dem Hornstoß einer störrischen Kuhe, der Professor nach einem verunglückten Experiment mit rauchender Schwefelsäure. […]
Damals mit frischem Gips, bei Bier und Münsterländer Korn hatten sie sich geschworen: Wenn einer von uns beiden ums Leben kommt, erbt der andere das Auge.
„Die transplantieren dir das in der Augenklinik so geschickt ein, dass du denkst, es wäre dein eigenes“, sagte der Professor. „Zumal wir beide genau die gleiche Augenfarbe haben, blau wie alle guten Münsterländer.“ Und das waren an diesem Abend nicht nur ihre Augen.

(S. 128ff.)

Das SetUp dieser Geschichte wäre damit klar. Ich gehe allerdings jede Wette ein, daß ihr nicht drauf kommt, wie die Sache ausgeht. 😉
Und weil das gerade sehr gut zur HybrisMetapher vom hohen Roß paßt, noch eine Kleinigkeit hinterher:

Edda von Samson, geborene Rita Riesenhuber, hatte nur die Grundschule von Gummersbach besucht, aber sie hatte früh erkannt, worauf es im Leben ankommt. Sie pflegte zu sagen:
„Ein Mann, der es zu etwas bringen will, muss viele Schulen besuchen, muss sich quälen, muss Abitur machen, Examen bestehen, muss viele Jahre lang lernen, arbeiten, kämpfen. Eine Frau braucht in ihrem Leben nur einmal auf Draht zu sein, nämlich bei der Wahl ihres Ehemannes. Dieser eine Moment entscheidet darüber, ob sie einmal in einer Villa wohnt oder auf der fünften Etage, ob sie von einem Chauffeur zum Reiten gefahren wird oder von einem Busfahrer ins Büro.“
Vom Reiten verstand sie was. Männer sind wie Pferde, pflegte sie zu sagen: Stark, leicht zu dressieren und vielseitig verwendbar: geduldige Arbeitstiere, heiße Deckhengste, Schlachtrösser, Rennpferde. Sie gehorchen auf Schenkeldruck und fressen dir aus der Hand. Sie tragen dich, wohin du willst. Es gibt nichts besseres, um voranzukommen.
Pferde sind geduldig, gutmütig, anhänglich, stark, pferdestark, aber dumm. Es gibt nichts Dümmeres. Mit anderen Worten: Pferde sind wie Männer.

(S. 21f.)

Das Ende dieser Geschichte mag ich besonders.
Es gibt in diesem Band Fernsehshows auf Leben und Tod, Irrenhausinsassen, die wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, blinde Passagiere (die Geschichte ist wirklich großartig) und natürlich die kürzeste Gespenstergeschichte der Welt. Der Versuchung, diese hier zu präsentieren, widerstehe ich gewohnt tapfer. 😉
Kurz: Wem schwarzer Humor nicht widerstrebt, der sollte zu E.W. Heine greifen (der unter anderem auch historische Romane schreibt, zu denen ich allerdings nichts sagen kann, da ich diesen Bereich seines Schaffens nicht kenne). Wirklich was Feines für zwischendurch.

Und zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

Das Buch zum Sonntag (29)

Väterchen Frost strikes back

Die „Wahrheit“-Redaktion der taz erfand dereinst das Verb „bosbachen“ zur Beschreibung des Sich-zu-allem-und-jedem-äußern. So verwundert es also nicht, daß Herr Bosbach natürlich auch was zum Wetter zu sagen hat:
Wir neigen zur Dramatisierung: Was heute Schnee-Chaos heißt, nannte man früher Winter.“ (zum Beispiel hier nachzulesen.)
Das hat mich ins Grübeln gebracht, was für eine Aussage von Bosbach schon allerhand ist.

Was ist passiert?

Ist es wirklich die versammelte Ignoranz und Unfähigkeit zuständiger Stellen, wie Jörg Kachelmann anmahnt (hier allerdings unbedingt mal in die Kommentare reinschauen)? Ist das ein völlig normaler Winter – nur wir hyperdramatisieren?

Ich glaube, ganz so einfach ist es nicht. Denn es sind ja Dörfer vollkommen zugeschneit. Es blieben Züge liegen, es gab massive Einschränkungen im Öffentlichen Personennahverkehr (Berlin mal ausgenommen, da liegt es nicht am Wetter. Die haben ja dort den alten Bahnslogan umgemünzt in: „Alle reden vom Wetter – Wir nicht. Wir fahren so oder so nicht.“) und viele Straßen waren nicht befahrbar.
Kurz: Es gab und gibt ja Einschränkungen. Warum aber sind das Probleme? Als ich letzten Sonntag an der Bushaltestelle wartete, meinte eine ältere Dame, daß bei diesen Witterungsbedingungen man nicht so genau auf den Fahrplan schauen sollte. Und wartete geduldig weiter, während in der Menge ringsum ein Rhababer-Crescendo aufwallte, je länger der blau-gelbe Motorkasten auf sich warten ließ. Der Barrikadenbau wurde aber durch rechtzeitiges Eintreffen des Busses gerade noch abgewendet.
Aber nochmal: Warum ist das ein Problem? Wieso wallt Zorn auf, wenn aus offenkundigen Gründen der Zug mal später kommt, warum ist es tagelange Berichterstattung wert, daß es schneien wird? Im Winter.

Meine spontane Antwort: Hybris.
Und zwar in mehrerer Hinsicht. Zum einen ist es Hybris, zu glauben, ein System zu beherrschen, dessen Teil wir sind. Es ist Hybris anzunehmen, alles müsse immer funktionieren. Es ist Hybris, zu verlangen, morgens um sechs müssten aber mal alle Straßen geräumt und alle Schienen gefegt sein – das könne man ja wohl für sein Steuergeld verlangen.
Zum anderen ist es Hybris, zu glauben, Winter finde nicht mehr statt, weil wir das gerne so hätten. Es ist Hybris, Züge so zu bauen, daß sie bei ein paar Grad unter Null am Kondenswasser scheitern – und zwar auf der einzigen Strecke, für die sie gebaut wurden. Es ist Hybris, Jahr für Jahr Stellen und Fuhrpark beim Winterdienst abzubauen, nur weil es halt ein paar milde Jahre gab. Es ist schlußendlich Hybris, zu glauben, die Welt funktioniere auf einmal völlig anders. Diesem irrsinnig komplexen System „Erde“, dessen Grundkonstanten wir derzeit bestenfalls erahnen, von „Wissen“ will ich gar nicht reden, sind unsere Hypes derart schnuppe, daß es für uns postmoderne Ich-Verliebten wohl viel zu schmerzhaft wäre, gestünden wir uns das ein.
Also machen wir den Bruce (ihr wißt schon) und sehen uns in unseren Grundfesten erschüttert, weil die Bahn nicht kommt, obwohl sie uns das doch so sehr versprochen hat?

Ich weiß nicht.

Selten ist eine Großstadt angenehmer als unter 20 cm Neuschnee. All der Lärm, all die Hektik, all das Achsowichtige, die ganze tägliche Betriebsamkeit – es ist nicht weg, aber ganz angenehm gedämpft. Auch auf die Gefahr hin, jetzt wie ein esoterisch verklärter Erweckungsprediger zu klingen: Aber es täte uns gut, das anzunehmen. Also anstatt über die verlorene Zeit an der Haltestelle zu schimpfen und das Blut in Wallung zu bringen, einfach ein Heißgetränk der Wahl mehr trinken, in Ruhe losgehen und hinnehmen, was nicht zu ändern ist. Der Bus kommt nicht früher und der Schnee fällt so oder so. Es gibt so viel in dieser Welt, wogegen anzukämpfen wäre oder worüber man sich echauffieren könnte – aber daß es im Winter schneit, ist nun wirklich das Letzte auf der Liste.

Gut, was bleibt noch zu sagen?
Zum einen: Allen Spöttern in Sachen Klimaerwärmung zum Trotz – regelmäßig kältere Winter hierzulande wären kein Gegenbeweis, sondern eine Ernst zu nehmende Bestätigung der Theorie. Mir fehlt das Know-how, um das zu überprüfen, aber die ersten sind der Meinung, unsere Heizung sei ausgefallen. Denn bedenkt: Wir leben auf dem Breitengrad Kanadas.

Sonst noch was?
Der Hausheilige hätte sicher einiges zur menschlichen Hybris zu sagen, ich möchte ihn aber doch lieber zum Winter kommentieren lassen, schon allein, weil es zeigt, daß sich viel weniger verändert, als wir glauben:

Und Winter? Es wird eine Art Schnee geliefert, der sich, wenn er die Erde nur von weitem sieht, sofort in Schmutz auflöst; wenn es kalt ist, ist es nicht richtig kalt sondern naßkalt, also naß . . .
Tritt man auf Eis, macht das Eis Knack und bekommt rissige Sprünge, so eine Qualität ist das! Manchmal ist Glatteis, dann sitzt der liebe Gott, der gute, alte Mann, in den Wattewolken und freut sich, daß die Leute der Länge lang hinschlagen . . . also, wenn sie denn werden kindisch . . .
kalt ist der Ostwind, kalt die Sonnenstrahlen, am kältesten die Zentralheizung – der Winter –?

aus: Die fünfte Jahreszeit. in: Werke und Briefe: 1929. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 6996-6997 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 224)

Väterchen Frost strikes back

30 Jahre grüner Marsch

Die Grünen feiern ihren 30. Geburtstag. Zeit, mal zu resümieren.
Das Geburtstagsständchen hält heute Erich Mühsam, der seinen Text allerdings seinerzeit der deutschen Sozialdemokratie widmete:

Der Revoluzzer

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: „Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn´ das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!“

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.*

Liebe Grünen, ich gratuliere euch wirklich zum 30. Schon allein, wenn man sich anschaut, wer euch seinerzeit nicht mal den 5. Geburtstag zugestehen wollte. Es gibt Leute, die dürfen einfach nicht Recht behalten, will man nicht allen Glauben an die Welt verlieren.
Aber wenn euch der CDU-Generalsekretär persönlich ein Geschenk bringt und auch noch freundlich begrüßt wird – dann gibt euch das nicht zu denken?
Ihr seid einen verdammt weiten Weg gegangen. Zeit, darüber nachzudenken, ob die Richtung stimmt.

Als Anregung sei noch ein Kommentar des bereits an früherer Stelle empfohlenen Volker Pispers angefügt:

*aus: Mühsam, Erich: Sich fügen heißt lügen. Steidl, Göttingen 2003. S. 34f

30 Jahre grüner Marsch

Das Buch zum Sonntag (28)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

William Gibson: Mustererkennung

Suchte man unter den zeitgenössischen Schriftstellern nach einem Pendant zu Jules Verne, William Gibson würde unweigerlich auf die Kandidatenliste geraten. Glauben wir Wikipedia, so gehen immerhin „Cyberspace“ und „Matrix“ auf sein Konto – nunja.
Auf jeden Fall ist Gibson stets auf der Höhe der Zeit, seine Cyberpunk-Romane umwehte in den Achtzigern wohl auch der Hauch der Avantgarde.
„Mustererkennung“ ist allerdings kein Science-Fiction-Roman, auch wenn 2003, als das Buch erschien, einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung ein Personal, das völlig selbstverständlich Laptops mit Handys verkabelt und seine Gesprächspartner googlet, ehe man sich trifft, wohl so vorgekommen sein mag.
Cayce Pollard, die Protagonistin des Buchs, arbeitet als – ach, lassen wir das Herrn Gibson erklären:

Googlet man Cayce, findet man „Coolhunter“, und wenn man genau hinguckt, vielleicht noch ein paar Hinweise darauf, daß sie so eine Art „Sensitive“ ist, eine Wünschelrutengängerin in der Welt des globalen Marketings.
Obwohl das in Wahrheit, sagt Damien, eher so was wie eine Allergie ist, eine krankhafte und manchmal sehr heftige Reaktion auf die Semiotik der Warenwelt.

(S. 10)

Im Rahmen ihres neuen Auftrages für eine Firma in London, die ein neues Logo sucht, wird ihr angeboten, die Quelle etlicher Clips, die durchs Internet geistern und für Aufregung sorgen, ausfindig zu machen. Ein derart hervorragendes virales Marketing muß ja Interesse erwecken, zumal bei Menschen, die mit Werbung Geld verdienen.
Wie nicht anders zu erwarten, kann Cayce ihre Recherchen nicht störungsfrei und in Ruhe durchführen. 😉
Es ist aber weniger der Plot, der mich beeindruckt hatte und es sind auch nicht die Personen. Es sind die Nebengeschichten, die Gibson erzählt, die Exkurse, die er in die Erzählung einwebt – so ganz nebenbei erfährt der geneigte Leser sehr viel mehr darüber, wie Werbung funktioniert, welche Mechanismen wirken und wie sie geschickt eingesetzt werden können als aus so manchem gelehrt geschriebenen Buch zum Thema.
Beispiel? Aber gerne.

„Nein! Ich meine, Du bist in einer Bar, was trinken, und jemand neben dir fängt ein Gespräch an. Jemand, der dir gefallen könnte. Alles total nett, ihr unterhaltet euch, und die- oder derjenige, wir haben auch Männer, erwähnt dieses tolle neue Streetwear-Label oder diesen genialen Film, den sie oder er gerade gesehen hat. Nur eine kurze, positivie Erwähnung, verstehst du? Und weißt du, was du dann tust? Das ist das, was ich daran nicht ausstehen kann: Weißt du, was du dann tust?“
„Nein“, sagt Cayce.
„Du sagst, du findest das Label oder den Film auch toll! Du lügst! Zuerst dachte ich, das machen nur die Männer, aber die Frauen tun es auch! Sie lügen!“ […] „Und dann nehmen sie das mit“, spinnt sie den Faden fort, „diese postitive Erwähnung, assoziiert mit einem attraktiven Angehörigen des anderen Geschlechts. Jemandem, der sich irgendwie für sie interssiert hat, den sie angelogen haben, um einen guten Eindruck zu machen.“
„Aber sie kaufen Jeans?“ fragt Voytek skeptisch. „Gucken Film? Nein!“
„Stimmt“, sagt Cayce, „aber es funktioniert trotzdem. Sie kaufen nicht das Produkt: Sie geben die Information weiter. Sie benutzen sie, um den nächsten Menschen, den sie treffen, zu beeindrucken.“

(S. 114)

Wie der geneigten Leserschaft sicher bereits aufgefallen ist, habe ich eine Schwäche für Bücher, die tradiertes, scheinbar offensichtliches in Frage stellen. Die sich mit Dahingesagtem nicht zufrieden geben.
Und „Mustererkennung“ stellt einiges in Frage, das ich zumindest vor fünf Jahren, als ich den Roman erstmals las, so noch nicht in Frage gestellt habe.

Dies möge für heute genügen. Das heißt, bis auf die Stelle, die ich mir seinerzeit herausschrieb, um sie nicht zu vergessen:

„Sie glauben, daß die Segmente Teile eines Ganzen sind?“
„Ja.“ Nicht das leiseste Zögern.
„Warum?“
„Vom Gefühl her ist das kein Glaubensakt, sondern etwas, das ich in der Tiefe meines Herzens einfach weiß.“
Komisch, sich das sagen zu hören, aber es stimmt.
„Das Herz ist ein Muskel“, korrigiert Bigend. „‚Wissen‘ tut es ihr limbisches System. Der Sitz des Instinkts. Das Säugerhirn. Ursprünglicher, offener, jenseits der Logik. Dort wirkt Werbung, nicht in der eben erst auf den Plan getretenen Großhirnrinde. Was wir uns unter ‚Denken‘ vorstellen, ist nur eine Art Trittbrettfahrerdrüse, die huckepack auf dem Reptilien-Stammhirn und dem frühen Säugetierhirn reitet, aber unsere Kultur gaukelt uns vor, sie wäre unser gesamtes Bewußtsein. Darunter erstreckt sich das riesige Säugerhirn, stumm und kraftvoll, und folgt seiner uralten Agenda. Und bringt uns dazu, Dinge zu kaufen.“

(S. 94)

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

Das Buch zum Sonntag (28)

Happiness is overrated

Soweit die Kulturgeschichte zurückreicht gibt es Zeugnisse von der Suche der Menschen nach Enthemmung. Das alltägliche Zusammenleben bringt einige Einschränkungen in Sachen Selbstentäußerung mit sich. Offenbar scheint aber genau dies ein tiefsitzendes Bedürfnis zu sein, denn das Leben war noch nie eine Aneinanderreihung von Glückzuständen, sondern meist eher madig. Das möchte man aber nun nicht jeden Tag vor Augen haben und so besteht der Wunsch, aus dieser Wirklichkeit auszubrechen.
Nun ist es aber gesellschaftlich nicht wünschenswert, daß es leicht ist, sich über die erlernten Regeln hinwegzusetzen, sprich: konditioniertes Verhalten zu überwinden und daher geschieht genau das, was immer geschieht, wenn unerwünschtes Verhalten mit bestehenden Bedürfnissen kollidiert: Es entstehen geschützte Zusammenhänge, in denen verschiedene Regeln des alltäglichen Zusammenlebens nicht gelten, Rituale eben.
Wir kennen das, deshalb gibt es Gladiatorenkämpfe, Popkonzerte und Fußballspiele, wird Karneval gefeiert (Anektode am Rande: bei Peter Burke habe ich gelesen, daß es in der Frühen Neuzeit nachweislich höhere Geburtenraten ein Dreivierteljahr nach den üblichen Karnevalsfesten gab) und dergleichen mehr.
Im Privaten findet die Suche nach solchen Zeremonien ihre Entsprechung in Partys (ein Freund von mir begründete seine Haltung, das Zusammentreffen einander mehr oder weniger bekannter Menschen aus privatem Anlaß lieber „Bankett“ statt „Party“ zu nennen mit dem unsterblichen Satz: „Party“ klingt immer so, als müsse etwas kaputt gehen.)
Mir selbst ist solcherlei Verhalten vollkommen fremd, benötige ich doch für gewöhnlich zum Ausschalten zentraler Denksysteme ein großes Kettenblatt und mindestens 50km glatten Asphalts. Voraussetzungen, die auf den wenigsten Partys gegeben sind.
Nun mag es ähnlich ungeübte Partybesucher geben, die nicht wissen, wie sie sich richtig verhalten sollen. Ich neige dazu, Themen immer erst nach einem gewissen Zeitraum aufzugreifen. Dies mag als Erklärung dienen, warum dieser Beitrag erst jetzt, wo doch gerade eine Partysaison vorbei ist, auftaucht. Allerdings dürfen wir mit Gewißheit davon ausgehen, daß weitere folgen werden. Möge also das folgende hilfreich sein.

Hier nun meine Regeln für PrivatPartyBesucher:

1. Erwarten Sie nichts.

Es geht darum, sich treiben zu lassen, im Strom mitzuschwimmen. Konkreter sollten Erwartungen nicht sein. Egal mit wem, für wen und warum Sie hingehen.

2. Trinken Sie alkoholische Getränke.

Achten Sie aber so lange wie möglich darauf, ihren Alkoholpegel nicht höher steigen zu lassen als beim Großteil der übrigen Gäste.

3. Reden Sie.

Es ist zweitrangig was. Je länger der Abend dauert, desto irrelevanter wird das, was sie sagen. Schweigen ist aber definitiv falsch. Damit gelten sie schnell als unkommunikativ und landen bereits nach der ersten Runde im Abseits. Legen Sie sich also sicherheitshalber einen Vorrat leicht erzählbarer Anektoden zu, und zwar so, daß sie sie auch alkholisiert noch darbeiten können.

4. Trinken Sie alkoholische Getränke.

Achten Sie aber so lange wie möglich darauf, ihren Alkoholpegel nicht höher steigen zu lassen als beim Großteil der übrigen Gäste.

5. Tanzen Sie.

Die laute Musik wird nicht gespielt, weil gerade ein Forschungsprojekt des MPI läuft, bei dem die für Menschen maximal verträgliche Lautstärke und Beatzahl getestet werden soll. Nein, sie soll dazu anregen, sich zu bewegen. Das ist nicht weiter schwer, machen Sie einfach nach, was andere Ihnen vormachen (und Sie sollten warten, bis eine ausreichende Anzahl Gäste Ihnen etwas vormachen). Sie müssen sich nur trauen. Sollten Sie sich noch nicht trauen, befolgen Sie Regel 5.

6. Trinken Sie alkoholische Getränke.

Achten Sie aber so lange wie möglich darauf, ihren Alkoholpegel nicht höher steigen zu lassen als beim Großteil der übrigen Gäste.

7. Schreien Sie.

Wenn Sie sich nicht in den Ruhezonen (Balkon, Gästezimmer, Wohnzimmer – wo auch immer die Aschenbecher und der Knabberkram stehen) befinden, wird eine andere Kommunikation mit den Menschen, die nur wenige Zentimeter von Ihnen entfernt sind (von den anderen gar nicht erst zu reden), nicht möglich sein. Hier sollten Sie auf Dinge zurückgreifen, die sich in kurzen Sätzen mitteilen lassen. Sind Sie darin ungeübt, bereiten Sie geeignete Floskeln vor.

8. Trinken Sie alkoholische Getränke.

Achten Sie aber so lange wie möglich darauf, ihren Alkoholpegel nicht höher steigen zu lassen als beim Großteil der übrigen Gäste.

9. Bewegen Sie sich immer konzentrisch um den Mittelpunkt der Menge.

Das ist wichtig. Wenn Sie stehen bleiben, geraten Sie unversehens ins Abseits. Menschen, die sich nicht bewegen, werden nicht wahrgenommen.

10. Suchen Sie Augenkontakt.

Eine der wenigen Regeln, die wohl immer gilt, sobald Menschen zusammenkommen. Hier genügt ein simpler Blick auf Augenhöhe und Sie werden sofort angesprochen, ausreichende Alkoholisierung vorausgesetzt. Et Voilá.

11. Vermeiden Sie differenzierte Gespräche.

Niemand möchte auf einer Party mit Ihnen über Proust sprechen. Auch die Intertextualitäten in Joyce „Ulysses“ oder die Schnitttechnik in „Tote schlafen fest“ sind eher Bankett-Themen. Wenn Sie über Literatur sprechen wollen, erzählen Sie eine Anektode oder zitieren Sie Bukowski. Insgesamt sind Literatur und Kunst nur bedingt partytaugliche Themen. Zur Veranschaulichung: Erzählen Sie, daß David Hurst mal einen Hai in einen Acrylblock gegossen hat oder der Turner-Preis an eine Installation in einem leeren, weißen Raum ging, in der alle paar Sekunden das Licht an- und ausgeht. Ein anerkennendes Nicken sollten Sie dafür jederzeit ernten können. Widerstehen Sie jedoch unbedingt der Versuchung, über die Selbstreferentialität zeitgenössischer Kunst zu referieren. Sie wären sehr schnell sehr allein. Reden Sie lieber über Haustiere, Autos oder Sex (je nach Alkoholisierungsgrad). Halten Sie passsende Anektoden parat.

12. Trinken Sie alkoholische Getränke.

Achten Sie aber so lange wie möglich darauf, ihren Alkoholpegel nicht höher steigen zu lassen als beim Großteil der übrigen Gäste.

12a. Trinken Sie nichtalkoholische Getränke

Diese Regel gilt nur für den Fall, daß Ihnen das Ende der Party nicht egal ist. Sollten Sie keine Angst davor haben, mittags aufzuwachen und nicht zu wissen, warum sie wo mit wem liegen – ignorieren Sie diese Regel. Widrigenfalls sollten Sie dringend darauf achten, Ihren Alhoholpegel soweit zu drosseln, daß Sie jederzeit in der Lage wären, über die Selbstrefentialität der zeitgenössischen Kunst zu referieren. Hören Sie spätestens dann mit dem Genuß alkoholischer Getränke auf, wenn Sie glasige Blicke, debiles Grinsen und zunehmend stockenden Redefluß Ihrer gesprächspartner bemerken. Sollten Sie im Laufe des Abends keine solche Anzeichen bei anderen Partygästen finden, haben Sie zu schnell und zu viel getrunken.

Den Abschlußkommentar übernimmt heute vertretungsweise eine junge bitische Nachwuchsband, deren Ratschlag übrigens auch für anders als im von ihnenen gesungenen Text begründete Situationen gilt, die durch Mißachtung der Regel Nr. 1 entstanden sind.
Wenn Sie enttäuscht sind, gehen Sie. Und achten Sie beim nächsten Mal darauf, nichts zu erwarten. 😉

(The Beatles: I Don´t Wanna Spoil The Party – Lyrics)

Happiness is overrated