Das Buch zum Sonntag (24)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Walter Moers: Rumo und die Wunder im Dunkeln

Ich habe lange gebraucht, um Walter Moers Ernst zu nehmen. Sein „Kleines Arschloch“ war mir etwas zu offensichtlich auf Provokation gebürstet (inzwischen gibt es einige wenige Strips, die ich mag) und ansonsten nahm ich nicht viel von ihm wahr.
Bis mir seine „Wilde Reise durch die Nacht“ in die Hände fiel. Die zu Grunde liegende Idee, zu 21 Holzstichen Dorés eine Geschichte zu erzählen, machte mich neugierig. Und veränderte mein Bild von Moers erheblich. Zwar finde ich auch heute keineswegs alles gut, was er so macht, aber auf seine Zamonienromane lasse ich nahezu nichts kommen. 😉
In guter literarischer Tradition hat Walter Moers mit dem Kontinent „Zamonien“ eine Parallelwelt geschaffen, die von allerlei seltsamen Wesen bevölkert wird, in denen der geneigte Leser jedoch problemlos Spiegelbilder von Menschen hiesiger Provenienz erkennen kann. Dieser altbekannte Trick ermöglicht es einem jeden Autor, seine Figuren nach Belieben zu überzeichnen. Und das kann Moers in unnachahmlicher Weise. Da gibt es höchstbürokratische Volksgruppen und Wesen mit mehreren Gehirnen (samt zugehöriger Arroganz allen Wesen mit weniger als drei Stück gegenüber), es gibt dumpfe Gewalttypen und gerissene Gauner. Also alles, was ein gutes Universum so braucht.

Ich habe lange überlegt, welchen der Romane ich dem geneigten Lesepublikum empfehlen soll und habe mich letztlich für „Rumo“ entschieden, weil er der vielleicht rundeste, auf jeden Fall aber ein exemplarischer Roman ist, der etliche jener Facetten zeigt, die ich an Moers schätze.
Erzählt wird die Geschichte des Wolpertingerwaisen Rumo, der auf der Suche nach seiner Bestimmung ist und auf dem Weg dorthin einige Heldentaten zu vollbringen hat, während er persönlich reift. Eine ganz klassische Heldengeschichte also, möchte man meinen.

ABER: Mit welch einem Ideenreichtum, mit welch irren Figuren. Da gibt es eine Haifischmade mit undurchsichtigen Plänen, dichtende Lindwürmer, brutale Teufelsfelszyklopen, ein schizophrenes Schwert und einen Eydeeten mit vier Gehirnen, der auf der Suche nach Unvorhandenen Winzlingen ist (achja, Intertextualitäten sind bei Moers immer reichlich vorhanden, stören nie, aber es macht einen Heidenspaß, sie zu entdecken*). Und das alles aufgeteilt in mehrere Handlungs- und Erzählebenen. Der geneigte Leser mag also durchaus auch eine Parodie auf die klassischen Genre des Abenteuerromans, des Heldenepos und freilich auch des Liebesromans in „Rumo“ entdecken (und das ist höchst wahrscheinlich so, wie ich nach der Lektüre etlicher anderer Moers´scher Werke geneigt bin zu glauben). Vor allen Dingen jedoch ist es eine wahre Freude, Moers beim Fabulieren zu begleiten.

Eine der Grundregeln dieser Rubrik ist es ja, der geneigten Leserschaft immer die Möglichkeit zu lassen, ein Buch selbst zu entdecken und so vielleicht einen ganz eigenen Zugang zu finden. Daher mag ich gar nicht mehr verraten. Da es aber zwei Szenen in diesem Buch gibt, die mich emotional stark mit ihm verbinden, muß ich noch ein bißchen plaudern.
Zunächst aber mal eine andere Stelle, über die ich beim Blättern soeben gestolpert bin und die einen ersten Eindruck vermitteln kann:

 

Smeik war beeindruckt von der Furchtlosigkeit, mit der dieser schmächtige Gnom auf ihn und Rumo zutrat. Er konnte offensichtlich Gedanken lesen, und er ähnelte dem Professor aus Fort Una, dem Smeik seine Kenntnisse über Zyklopenzungen verdankte, er hatte die gleichen leuchtenden Augen, den gleichen gebrechlichen Körper, den gleichen übergroßen Kopf. Aber irgendetwas war anders.
„Treten Sie ruhig näher“, sagte Smeik. „Wir würden uns freuen, unser Lagerfeuer mit jedem Wanderer zu teilen, der freundlicher gesinnung ist.“
Das war der traditionelle Satz, den man nach der Atlantischen Wanderschaftsverordnung in einer solchen Situation aufzusagen hatte. Mit diesem Satz, den sich nattifftoffische Politiker ausgedacht hatten, die in ihrer Freizeit der Wanderei frönten, signalisierte man Gastfreundschaft und Höflichkeit – es schwang aber auch eine unterschwellige Drohung mit. Man gab deutlich zu verstehen, daß man sich gegen eventuelle Übergriffe tatkräftig zur Wehr setzen würde. Kein Gesetz schrieb vor, diese Floskel zu benutzen, aber sie war allgemein anerkannt und wurde in vielen Schulen gelehrt. Die korrekte Antwort darauf war: „Ich bedanke mich für die erwiesene Gastfreundschaft und gelobe, dieselbe nicht über das gebotene Maß zu strapazieren.“
„Ich bedanke mich für die erwiesene Gastfreundschaft und gelobe, dieselbe nicht über das gebotene Maß zu strapazieren“, erwiderte Oztafan Kolibril feierlich […]“

(S. 127)

Doch nun zur ersten der beiden oben angedeuteten Szenen. ich mag diese Stelle sehr, weil sie ein derart leidenschaftliches Plädoyer fürs Lesen ist, daß ich es zum Motto meiner Berufsauffassung gemacht habe. Eines noch vornweg: Die Wolpertinger bei Moers (Umdeutungen hierzulande bekannter Wesen sind ein beliebtes Spiel bei ihm) sind eine Mischung aus Wolf und Reh und vereinen damit Geruchssinn, Geschicklichkeit, Sträke und Angriffslust. Genaugenommen sind die zamonischen Wolpertinger regelrechte Alleskönner und damit so ziemlich das Gegenteil der hiesigen, verhuschten und scheuen Exemplare. Zu ihrer Ausbildung gehört denn auch die Schreibkunde:

„Ihr habt alle die Prüfung bestanden“, sagte die Lehrerin in einem Ton, als hätten sie ein unsühnbares Verbrechen begangen. „bildet euch nicht ein, daß ihr jetzt lesen und schreiben könt. Aber ihr habt euch das Werkzeug erworben, mit dem ihr jedes Wort entschlüsseln könnt – es befindet sich in euren Köpfen. Pflegt dieses Werkzeug gut, pflegt es so aufmerksam wie eure Zähne! Das beste Mittel dafür ist das Lesen. Lest, soviel ihr könnt! Lest Straßenschilder und Speisekarten, les die Anschläge im Bürgermeisteramt, lest von mir aus Schundliteratur – aber lest! Lest! Sonst seid ihr verloren!“

(S. 227)

Die zweite Stelle, die mich stark mit diesem Buch verbindet, kann ich hier unmöglich zitieren, denn es handelt sich um ein ganzes Kapitel. Genaugenommen sogar um mehrere, da durch die verschachtelte Konstruktion des Romanes die Geschichte nicht ununterbrochen erzählt wird. Es sei nur soviel gesagt: Ich fand sie kaum erträglich, so tiefgründig läßt Moers hier eine Vision wahr werden:

„Ich will [tick]„, rief er, „eine Maschine [tack] bauen, mit der ich den Tod kontrollieren kann! Wenn mir [tick] das gelingt, dann [tack] wird das Sterben keine Sache der [tick] Natur mehr sein – sondern [tack] der Kunst!“

(S. 475)

Nun, zum Abschluß noch der übliche Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*In „Die Stadt der träumenden Bücher“ wimmelt es nur so von Weltliteratur. Ich spiele mit dem Gedanken, einen Wettbewerb auszurufen, bei dem alle beim „Ormen“ genannten Autoren und Buchtitel dechiffriert werden. Ich befürchte aber, es gibt im Netz bereits eine Liste…

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