Das Buch zum Sonntag (23)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Sibylle Berg: Der Mann schläft

Ich habe Frau Berg gelegentlich bereits empfohlen. Ihr aktueller Roman, den ich heute empfehle, unterscheidet sich jedoch deutlich von „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot.“
Und zwar weniger stilistisch, da ist immer noch diese Prägnanz, diese Treffsicherheit der Sätze, als vielmehr inhaltlich. Wo jener Roman noch ätzend ist, geradezu vernichtend unsere Glücksillusionen zertrümmert, da ist dieser, ja, ich möchte geradezu sagen: warm. Sie beschreibt eine Liebe, die jenseits aller Kleider zerfetzenden und Verhütungsmittel verbrauchenden Ekstasen stattfindet.
Liebe, deren wesentliches Element das Verständnis, das Da-sein ist. Sibylle Berg meinte einmal in einem Interview: „Sex ist so was wie das Niesen. Das macht man halt mal. Das find ich unerheblich und auch nicht interessant zu beschreiben.“

Und, allen modernen Mythenerzählern von Candace Bushnell bis Janet Evanovich zum Trotz, ist für die Wahl von „Mr. Right“ weder das Aussehen noch die Frage der passenden Krawatte entscheidend. Nein, wirklich wichtig ist, jemanden zu haben, den man so sehr mag, daß man es 24 Stunden mit ihm aushalten möchte. Wichtig ist, ob jemand da ist, der merkt, wann man ein Stück Schokolade zum Aufheitern braucht. Wichtig ist, ob jemand da ist, an den man sich anschmiegen kann, wenn der Tag zu Ende geht.

In „Der Mann schläft“ erzählt Sibylle Berg davon, wie es ist, wenn man dies gefunden hat – und was passiert, wenn es abhanden kommt. Ohne missionarischen Eifer, aber bekanntermaßen schonungslos. Nicht ohne Hoffnung, aber frei von Illusionen.
Am liebsten würde ich das gesamte Buch zitieren, aber ihr sollt ja das Buch kaufen und lesen. 😉
Daher beschränke ich mich auf einige Stellen.

Ich hatte aufgehört zu träumen, von Freitreppen, auf denen ich in mein Schloss wandeln würde, Friedensnobelpreisen oder der Begegnung mit der großen Liebe. Dazu hatte ich sie schon zu oft getroffen. Dem ungeheuren theater, das uns allen ständig als Gradmesser der eigenen Gefühle vorgeführt wird, misstraute ich bereits nach dem Ende der Pubertät.
Da musste immer Besinnungslosigkeit sein und Kontrollverlust, Auflösung und unbedingt Seelenverwandschaft. Alles Zustände, die mir zuwider waren. Ich fand meine Seele nicht so überragend, dass ich mir noch einen mit den gleichen Unfähigkeiten gewünscht hätte.
Liebe wurde in der öffentlichen Wahrnehmung mit etwas Pathologischem gleichgesetzt und hatte mit weggebissener Unterwäsche und Schweiß zu tun. Dass es sich im besseren Fall um etwas Familiäres, Freundschaftliches handelte, war eine unpopuläre Idee.

(S. 66)

Hier noch ein Beispiel für Frau Bergs von mir so geschätzte Kunst, Sätze zu formulieren, die einfach sitzen. Diesmal mit Kontext:

Mein Bekanntenkreis hatte sich, außer durch das gewöhnliche Bekanntenkreissterben, auch durch den Umstand auffallend verkleinert, dass es mir kaum mehr gelang, irgendetwas ernst zu nehmen. Traf ich auf eitle Menschen, und das waren nicht wenige, schaute ich sie mit offenem Munde an, lauschte scheinbar ihren Ausführungen über ihre eigene Wichtigkeit, das neue Buch, den neuen Film, die neue Forschungsarbeit, die neue Philosophie, den Dreißigjährigen Krieg, die Reinkarnation von Energiefeldern, bis mir Speichel aus dem Mund floss und ich meine Augen wie bei schlechten Darbietungen epileptischer Anfälle zu verdrehen begann.
Es gab Leute, die glaubten, wenn sie nur genug über das Universum nachdächten, würde das auch umgekehrt funktionieren.

(S. 56f.)

Und hier eine meiner geschätzten 30 Lieblingsstellen:

Die Sonne schien, wir waren zusammen, unsere Gliedmaßen, wenn auch geschwollen, vorhanden, in seinem Universum bestand kein Grund für eine Verstimmung, er konnte sich nicht vorstellen, wie ich mich warum fühlte, und er wusste nicht, wie meiner Laune beizukommen war.
„Ich fahre rüber und hole dir neue Zeitungen und bringe ein bisschen ehrliches Brot mit“, schlug er vor und traf damit genau den Kern meines Heimwehs.
Die praktischen Angebote des Mannes, mich aus meiner schlechten Laune zu befreien, hatten bislang immer zum Erfolg geführt. Er holte Lieblingsessen, brachte Filme, fuhr mich zu Massagen oder durch Umgebungen, und nie wollte er mit mir über den Grund meiner Verstimmung reden. „Willst du wieder sterben?“ war seine Standardfrage, wenn ich ihn aus Augen wie erloschenen Kratern ansah.

(S. 261)

Lest dieses Buch. Weil es wichtig ist, zu erkennen (oder sich zu erinnern, erneut zu vergegenwärtigen…), daß vieles von dem, was gemeinhin als Kriterium herangezogen wird, um „den Richtigen“ oder „die Richtige“ zu finden, nichts als Kikifax ist. Entscheidend ist nicht, welche Hobbies man hat, welche Haarfarben bevorzugt werden oder ob der Musikgeschmack paßt. Wichtig sind ganz andere Dinge.
Auch wenn ich fürchte, daß diese Erkenntnis von selbst reifen muß.

Zum Abschluß der übliche Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

Und als Anhang ein paar Links zum Weiterlesen, -hören und -sehen. Allerdings seien all jene vorgewarnt, die gerne erst selbst ein Buch lesen, ehe sie Diskussionen und Gespräche darüber wahrnehmen wollen: Lieber erst lesen und dann nochmal herkommen. 😉

Dennis Scheck fährt Boot mit Sibylle Berg.

Frau Berg schreibt in der NZZ übers Älterwerden.

Ein erhellendes 10-Fragen-Interview mit Frau Berg in der FR.

Und ein halbstündiges ZDFaspekte-Gespräch mit Frau Berg.

Zudem möchte ich noch einmal auf die wirklich schöne Homepage von Frau Berg verweisen.

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Das Buch zum Sonntag (23)

Ein Gedanke zu “Das Buch zum Sonntag (23)

  1. De Amore.Zum intellektuellen Duktus gehört unbedingt das sich als Bescheidenheit tarnende Selbstlob.
    Schreibt ein Autor also einen „Versuch über die zweckmäßige Einrichtung des Gemeinwesens“, so meint er eigentlich: „Ich habe den Stein der Weisen gefunden und …

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