Das Buch zum Sonntag (22)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Uwe Tellkamp: Der Turm

Zum Abschluß der zweiten Kulturwoche heute ein Buch, das zu den beeindruckendsten Werken gehört, die ich in letzter Zeit gelesen habe.
Tellkamps Buch spielt im Dresden der letzten sieben Jahre der DDR, von Breschnews Tod bis zum Mauerfall am 9. November 1989.
Die Handlung setzt ein mit dem 50. Geburtstag Richard Hoffmanns, Arzt an der Medizinischen Akademie Dresdens. Bei dieser Gelegenheit wird sogleich die Gesellschaft der „Türmer“ vorgestellt, bildungsbürgerliche Bewohner des „Turm“ benannten verfallenden Villenviertels.
Auf den folgenden 1000 Seiten entwirft Tellkamp ein dichtes, genaues und umfassendes Panorama der Spätzeit der DDR. Klar mit dem Focus auf und aus der Perspektive des Ersatzbürgertums (denn die bürgerliche Gesellschaft war ja überwunden, mithin gab es also auch kein Bürgertum mehr – und alles in allem ja blieb auch nur die bürgerlich-intellektuelle Attitüde bestehen, die materiellen Grundlagen, die zum Bürgertum dazugehören, waren gründlich vernichtet), aber die Lebensumstände der Protagonisten bringen es mit sich, daß dem Lesenden weitaus mehr gezeigt wird.
Die Literaturkritik hat sich weitgehend und ausführlich mit dem Roman befaßt, ich beschränke mich also bei der heutigen Empfehlung ganz allein auf meine persönlichen Leseerfahrungen, ohne sie in irgendeinen Kontext zu stellen.
Mir erschien der Roman als ein überzeugendes Bild mit glaubwürdigen Charakteren. Die Mechanismen, mit denen der tägliche Einkauf organisiert werden mußte, die Rücksichten, die im Beruf genommen werden mußten, die komplizierten, verwickelten Netzwerke, die es bedarf, um einen Keilriemen oder ein Ersatzteil für eine Gasheizung zu bekommen – das ist alles drin. Doch ich würde das Buch der geneigten Leserschaft nicht empfehlen, handelte es sich nur um ein Panoptikum heute bizarr anmutender Anektoden. Denn entlang des Lebensweges der Protagonisten zeigt Tellkamp die tiefgehenden Konflikte, die persönlichen Verwerfungen, ja die geradezu schizophrenen Verhaltensweisen in einer Gesellschaft, die permanent von Angst und Vorsicht vor einem übermächtig scheinenen Apparat (eine großartige Konstruktionsidee übrigens, den kompletten Apparat mit all seinen Ebenen an einen einzigen geographischen Ort zu versammeln), von Heimlichkeiten, von Mißtrauen auch dem Nächsten gegenüber beherrscht wurde. Eine Gesellschaft, die ihre Ideale zwar postulierte, aber gar nicht in der Lage war, sie auch zu leben.
„Geschichte aus einem versunkenen Land“ nennt Tellkamp seinen Roman und kaum eine Stadt wäre als Schauplatz geeigneter denn „Dresden – in den Musennestern wohnt die süße Krankheit gestern.“ (ein geradezu leitmotivisch wiederholter Satz), eine Stadt, deren Selbstverliebtheit und deren Schwelgen in der historischen Bedeutung gut zu einer melancholischen Grundstimmung in einem Roman über die Auflösung und den Zerfall einer Welt paßt. Daß es sich aber nichtsdestotrotz auch um eine Liebeserklärung an die Heimatstadt handelt, kam bei den Dresdnern des Jahres 2008 ebenso wenig an, wie 107 Jahre früher bei den Lübecker Bürgern in Sachen Thomas Mann (zu dessen „Buddenbrooks“ übrigens ebenso wie zu Tellkamps „Turm“ Schlüssellisten existieren). Doch dies nur nebenbei.
Die geneigte Leserschaft sei jedoch auf etwas hingewiesen: Die Sprache des Romans ist den handelnden Figuren angepaßt. In Kapiteln, in denen beispielsweise eine hektische, plappernde Tante die Hauptrolle spielt, liest sich auch das Buch deutlich hektischer und schneller, als in Kapiteln, in denen ein schöngeistiger Lektor mit dem Schwerpunkt auf klassischer Literatur im Mittelpunkt steht. Das muß man allerdings auch mögen, sonst wird es sehr anstrengend (ich empfehle in diesem Falle allerdings: Überfliegen, nicht aufgeben).
Es fällt mir schwer, ein paar Stellen zu zitieren, ohne zu viel vom Handlungsstrang zu verraten. Ich versuchs trotzdem mal:

Zunächst einmal eine Stelle, die ich gerne zitiere, um den Unterschied zwischen Geschriebenem und Literatur zu verdeutlichen:

Magie war ein Wort, das Meno nicht liebte. Er hatte Ehrfurcht vor dem, wofür es stand und was es ausdrückte, nur unzulänglich seiner Meinung nach und etwas hilflos, „ein Etikett auf einem Einweckglas, in dem sich die Dinge befinden, wenn wir uns erinnern“, wie er sagte, wenn Christian, empört über seine eigene Wortlosigkeit und gequält von der Anstrengung, Menos Forderung nach beschreibender Präzision zu erfüllen, kurzen Prozeß machen wollte, indem er dieses Wort gebrauchte, um etwas zu charakterisieren, das ihn auf noch unerklärliche Weise faszinierte. „Du gebrauchst es wie eine Fliegenklatsche, denn Totschlag ist natürlich auch eine Methode, etwas zu bannen“, bemerkte Meno dazu, „aber damit umkreist du nur deine Hilflosigkeit, wie es schlechte Schriftsteller tun, die nicht fähig sind, ein Phänomen zu erzeugen – was der eigentlich schöpferische Akt wäre -, sondern nur dazu imstande sind, über das Phänomen zu reden; eben ‚Magie‘ zu sagen, statt aus Worten etwas herzustellen, das sie hat.“

(S. 273)

Dazu noch eine kurze Stelle, die ich bemerkenswert finde, nicht zuletzt auch im Hinblick auf Mielkes legendären „Ich liebe – ich liebe doch alle – alle Menschen.“-Auftritt in der Volkskammer:

(Barsano)“Wir haben geglaubt, daß alle Menschen im Grunde gut sind. Wenn wir ihnen genügend zu essen zu essen geben, Wohnung, Kleidung, dann müßten sie nicht mehr böse sein, es wäre nicht mehr nötig. Ein Irrtum, werch ein Illtum.

(S. 950)

Und zum Schluß noch eine der oben erwähnten anektodenhaften Erzählungen, die nichtsdestotrotz bezeichnend sind:

„Tja, Nachtschicht. Und von den Zahnbürsten nix mehr übrig. Hat sich natürlich wie ´n Lauffeuer verbreitet quer durch die ganze Republik, daß es wahrscheinlich in der nächsten Zeit ´nen Zahnbürstenengpaß geben wird. Wir mußten reagieren! Die Leute haben ja gleich wie die Verrückten Zahnbürsten gehortet, da gab´s dann wirklich ´nen Engpaß. Aber die Japaner haben uns geholfen. Sofort ein Flugzeug mit Zahnbürsten geschickt. Wir haben ihnen dafür Fachwerk gegeben, von ´n paar Häusern in der Braunkohle, die mußten sowieso abgerissen werden. Sind die Samurais ja ganz scharf drauf. Bauen die originalgetreu wieder auf! Und wir hatten Zahnbürsten, made in Hongkong, denn die Japaner importieren das auch.“

(S. 925)

Erschütternd wird der Roman in der Beschreibung dessen, was euphemistisch „Bewährung in der Produktion“ genannt wird. Das Strafsystem der NVA, die psychische Folter, die Versuche, eine Persönlichkeit zu zerstören – es erinnert daran, daß die DDR nicht nur Schnatterinchen und Pittiplatsch war (was Frau Hensel ja kaum vorzuwerfen ist, da ihre Erinnerungen generationenbedingt andere waren). Die Kapitel, in denen beschrieben wird, was es heißt „im Karbid“ zu arbeiten, fand ich nur schwer auszuhalten.

Zum Abschluß noch der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

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