Das Buch zum Sonntag (21)

UPDATE (1.11.09): Das kommt davon, wenn man sich von Terminen unter Druck setzen läßt. Anstatt also noch irgendwann des Nachts noch an Texten herumzubasteln, lieber etwas Zeit nehmen und erstmal ausschlafen.
Ich habe nun noch ein paar Leseproben eingefügt, ein paar Kleinigkeiten korrigiert und gelobe im Übrigen Besserung.

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Josef Winkler: Roppongi. Requiem für einen Vater.

Da ich gestern ganztägig unterwegs war, um mir die Ausstellung des Buddenbrookhauses Lübeck zu Golo Mann, über den auch in dieser Reihe noch zu sprechen sein wird, anzusehen, erscheint die Buchempfehlung auch diese Woche mit Verspätung. Allmählich drängt es sich geradezu auf, die Reihe in „Buch am Sonntag“ umzutaufen. Allerdings würde das wohl wiederum nur zur Verschiebung der Verspätung auf den Montag führen.
Dieses Real Life hat eben eine Suchtgefahr, die nicht zu unterschätzen ist. Die Gefährdung sozialer Kontakte durch zu viel Real Life wurde bisher nicht ausreichend untersucht. Ich meine, soziale Netzwerke wollen gepflegt werden, sonst entschwinden die Follower, Fans und Freunde – es sollen schon Menschen völlig ungegruschelt durchs RL irren. Vielleicht sollte man das einfach verbieten.
Gut. Soweit dazu. Nun zum Buch.
Ich habe es heute morgen auf der Hinfahrt ausgelesen – ich berichte also über recht frische Leseeindrücke.
Ausgangspunkt des Buches ist der Tod des Vaters des Erzählers, eines Bauern in Kärnten, der der Tätigkeit seines Sohnes stets skeptisch gegenüber stand.:

Als ich mich vor ein paar Jahren mit meiner Familie in Tokio aufhielt, wo wir im Stadtteil Roppongi wohnten, starb im Alter von 99 Jahren mein Vater, der mir ein Jahr vor seinem Tod, nachdem er erfahren hatte, daß ich in meinem Buch einem Bauern aus meinem Heimatdorf weder Kornblumen noch Pfingstrosen gestreut hatte, in einem kurzen Telefonmonolog mitteilte, daß ich, wenn es soweit ist, nicht zu seinem Begräbnis kommen solle.

(aus dem Klappentext)

Es handelt sich um ein unaufgeregtes Buch, das auf innere Monologe, tiefgründige Interpretation und psychologische Exkurse verzichtet, sondern einfach erzählt. Erzählt wird von Gestorbenen, von Sterbenden, von Totenritualen in Indien und in Kärnten.

Ich habe selten einen Ich-Erzähler erlebt, der sich selbst derart zurücknimmt, damit auf eine Nabelschau verzichtet und stattdessen auf die Kraft der Erzählung vertraut. In den kurzen Abschnitten, die das Buch einteilen, erfahren wir nichtsdetotrotz viel über den Erzähler, den Vater und den Umgang mit dem Tod in so grundverschiedenen Kulturen wie einem Dorf im tiefkatholischen ländlichen Kärnten und einer heiligen Hindu-Stadt mit regelrechter Bestattungsindustrie. Winkler arbeitet dabei gerne mit recht umfangreichen Satzkonstruktionen, hier mal ein Beispiel:

Während in meinem Heimatdorf in Kärnten, wenn sich beim Zügenläuten die schwarze Schlange des Leichenzugs am Waldrand und an den wie verkehrte Federstiele, von denen schwarze Tinte rinnt, stehenden Fichten und Tannen vorbei zum Friedhof hin bewegt, Ruhe herrscht, die Maschinen abgestellt werden, die Kinder vom Spielplatz verschwinden, man nichts mehr hört als das Vorbeten des vor dem Sarg gehenden Priesters und der Ministranten und das Gebetsgemurmel der Trauer- und Freudengäste im Leichenzug und sich der Kopf des Toten vom rhythmischen Gang der Sargträger das allerletzte Mal bewegt, bevor der Verstorbene in der Erde zur ewigen Ruhe gebettet wird und sich unter der Erde, im verschlossenen, warmen Sarg, nur mehr die kleinen Blüten an den obersten Spitzen der rosaroten, bündelweise auf dem Toten liegenden Gladiolen öffnen, höchstens ein Pfau oder ein Hahn die dörfliche Stille zerreißt, das Leben also vom Tod getrennt wird, vermischen sich Leben und Tod beim hinduistischen Bestattungsritual in Varanasi am Einäscherungsplatz des Harishcandra Ghats.

(S. 151)

Oder auch folgende Stelle, die ich ob ihrer Entlarvung großartig finde:

Worüber ich schrieb, wußten die Doms nicht, sie wollten nur keine Bilder sehen, keine Zeichnungen von den Einäscherungen, keine Fotos vom Verbrennen der Toten, das war verboten, denn es würde, wie sie erzählten, die Seelen der Toten daran hindern, in den Himmel zu kommen, aber wenn ich ihnen Bakschisch zusteckte, durfte ich bei den Einäscherungen auch fotografieren, und wenn ich ihnen noch mehr Bakschisch gäbe, hätte ich den Toten auch gleich mitnehmen können.

S. 122

Es ist ein durchaus nicht beschönigender, aber unglaublich respektvoller Abschied vom Vater mit eben jenen Mittel der literarischen Gestaltung, deren Differenz zum „wahren Leben“ dem Vater Zeit seines Lebens nicht klar geworden zu sein schien.

EXKURS: Schriftsteller schöpfen natürlich nicht unerheblich aus ihrem eigenen Erlebten. Nicht selten also werden sich Menschen porträtiert sehen. Über dieses grundlegende Mißverständnis möchte ich hier gar nicht erst reden. Worauf ich abheben will, ist, daß der urbane Literat hier dem dörflichen in klar bevorteilter Position. Während es sich ersterer bestenfalls mit ein paar Bekannten verdirbt, nimmt bei zweiterem die ganze Welt übel.

Zum Schluß noch der übliche Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

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