Das Buch zum Sonntag (20)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Kurt Tucholsky: Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte.

Zu den wenigen Ideen, die ich beim Beginn dieser Reihe hatte, gehörte, den Hausheiligen so lange wie möglich nicht zu empfehlen, um seinen Kommentaren zum Weltgeschehen größere Wirkmächtigkeit zu ermöglichen. Es war natürlich trotzdem nur eine Frage der Zeit, bis er hier auftauchen würde. Und doch ist der Anlaß außerhalb dieses Blogs zu suchen. Anlaß war der Wunsch einer einzelnen Dame, ein „nicht-deprimierendes“ Buch empfohlen zu bekommen. Nach gescheiterten Versuchen mit meiner Meinung nach durchaus in diese Kategorie fallenden Büchern, bin ich meine Regale abgegangen und fand tatsächlich nichts, was sich problemlos als fröhlich, sorgenfrei, aufbauend oder, um mal mit dem „Anhalter“ zu sprechen, größtenteils harmlos bezeichnen liese.
Außer eben einem schmalen Bändchen Tucholskys (natürlich 😉 ).
Rheinsberg (erschienen 1912) ist eine entzückende Liebesgeschichte um das Paar Wolfgang und Claire, die sich beide in der Phase des frühen Verliebtseins (die geneigte Leserschaft wird wissen, was ich meine, nicht? Dann mal kurz das Buch:

Seh mal: ’ne Akazie! ’ne blühende Akazie, lauter blühende
Akazien!«
»Is gar keine, is ’ne Magnolie!«
»Hach! Also wer weiß denn von uns beiden in der
Botanik Bescheid? Ich oder ich?«
»’ne Magnolie is es.«
»Meine Liebe, ich müßte bedauern, es mit einem
kräftig gefaßten Schlag gegen Sie nicht bewenden las-
sen zu können. Alle Wesensmerkmale der Akazie
deuten auch bei diesen Bäumen auf eine solche hin.«
»Is aber ’ne Magnolie.«
»Herr Gott, Claire! Siehst du denn nicht diese ty-
pisch ovalen Blätter, die weißen, kleinen, traubenför-
migen Blütenstiele! ? Mädchen!«
»Aber . . . Wölfchen . . . wo es doch ’ne Magnolie is . . . «
Sie erstickte in Küssen.*

) zu einem Wochenendausflug entschließen, nach Rheinsberg, über das sich im Wesentlichen sagen ließe, daß es landschaftlich schön gelegen ist.
Claire gibt hierbei die unbekümmerte, leicht dramatisierende, stets ironische junge Dame, Wolfgang den abgeklärten, überlegenen, durchaus intellektuellen Gegenpart. Die beiden bei ihren für den Ausflug eines verliebten Pärchens vollkommen üblichen Betätigungen zu beobachten (Bootspartien, Spaziergänge, Schloßbesichtigungen) und ihren erfrischenden Dialogen zu lauschen, ist eine reine Freude.
Noche eine Stelle:

Wie friedlich dieser Abend war; sie saßen unter
den niedrigen dunklen Bäumen und warteten auf das
Essen.
»Claire?«
»Wolfgang?«
»Mir ist so . . . «
»Gut so, mein Junge.«
»Nein! Spaß beiseite, mir ist mit dem Magen nicht
recht.«
»Das ist Cholera. Wart, bis du was zu essen be-
kommst.«
»Nein, hör doch, ich hab so ein Gefühl, so leer,
so . . . «
»Typisch, Das ist geradezu ? bezeichnend ist das.
Du stirbs, Wölfchen.«
»Die richtige Liebe deinerseits ist das auch nicht!
Erst lasse ich dich auf Medizin studieren, und jetzt
willst du nich mal durch dein Hörrohr kucken.«
»Ach Gott, nicht wahr, was heißt denn hier
überhaupt! – Nicht wahr? – Wer denn schließlich . . . «**

Es handelt sich hierbei um den mit Abstand fröhlichsten längeren Text, der mir von Tucholsky bekannt ist. Er hat danach nie wieder so unschuldig-unbeschwert geschrieben. Und eine so herzerfrischende Figur wie die Claire in „Rheinsberg“ findet sich auch späterhin nicht mehr. Alles in allem also eine schöne Nachmittagslektüre (länger wird es nicht dauern) zur Erinnerung an einen Sommer, an eine frühe Liebe, zur Erheiterung des Herzens bei einem Heißgetränk der Wahl.

Zuletzt noch eine kleine Stelle, deren Schluß es bei mir zu einer stehenden Redewendung geschafft hat:
Die beiden beobachten durch die Fenster eine örtliche Theateraufführung, verpaßten aber den Beginn und sind dementsprechend schwer in der Lage, die Handlung des Stückes und die Emotionen des Publikums einzuordnen:

Sie beugten sich weiter vor, man konnte undeutlich und durch das Fensterglas verschoben den übrigen Teil der Bühne erkennen, der eine Zimmereinrichtung mit gelber Tapete und gemalten Einrichtungsgegenständen darstellte; ein Mann in grüner Schürze hielt dort oben Zwiesprache mit einer robusten Weibsperson in den Vierzigern. Als Souffleurkasten diente ein alter Strandkorb. Sie hörten die beiden sagen:
»So, Er soll hier reinemachen (in der Tat hielt der Mann einen Besen in der Hand), und statt dessen scharwenzt Er mit den Mädels! Paß Er nur auf. Er Liederjan.« – Hier kicherte das Publikum. – »Ich werde Ihm die Suppe schon versalzen. Hier und hier und da und da!«
Das Publikum lachte: »Hoho!« und oben bekam der Mann, der bis dahin mit gutgespielter Teppenhaftigkeit den Kopf beflissen-horchend geneigt hielt, einige patschende Schläge ins Gesicht . . .
In diesem Augenblick trat ein junges Mädchen auf die Bühne, und hier nahm die Heiterkeit des Publikums einen so beängstigenden Grad an, daß die beiden unwillkürlich vom Fenster zurückfuhren.

»Der erste Akt!« seufzte er. »Uns fehlt der erste Akt!«***

Ganz zum Schluß noch einen Kommentar des Hausheiligen selbst zur Langzeitwirkung des zu seinen Lebzeiten erfolgreichsten seiner Bücher.

Wenn aber im Jahre 1985 ein neugieriger und verliebter junger Herr den Bücherschrank seiner Großmama durchstöbert, wird er von ganz hinten einen ‚auf Bütten abgezogenen und in rotes Bockleder gebundenen Band‘ herausklauben, Nummer 18, vom Verfasser signiert.

»Was ist das?« wird der junge Herr fragen. Und die Großmama wild sich den Band geben lassen, ihn ganz nahe an die Augen halten und dann leise lächeln. »Das«, wird sie sagen, »hat mir mal dein Großvater selig geschenkt, als wir uns verlobten. Aber du darfst es behalten und für deine Lydia mitnehmen.«
Das tut der junge Herr. Er packt den Bocklederband mit einigen Dingen, die zu schenken in dieser Zeit schick sein wird, zusammen und sendet alles an Lydia. Und Lydia wird die schicken Dinge sehr bewundern, sich an ihnen und am zukünftigen Neid ihrer Freundinnen erfreuen und schließlich einen Blick in das Buch hineintun. Und ein bißchen darin blättern.
Weil aber die Zeit läuft und sich das, was zwischen den Zeilen eines Buches ausgedrückt ist, niemals länger als fünfzig Jahre hält und mit den Menschen, von denen es und für die es geschrieben ist, dahingeht – deshalb wird die Dame Lydia mit den Achseln zucken und sagen: »Reizend!«
Und dann wird die Geschichte mit ihr und dem jungen Herrn ihren Fortgang nehmen.

aus: Rheinsberg. in: Werke und Briefe: 1921. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 2379-2380
(vgl. Tucholsky-GW Bd. 3, S. 100-101) (c) Rowohlt Verlag

[Update 25.10.09] Peinlicherweise habe ich den Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben

vergessen. Mea culpa. Ich suche gleich mal Asche, um sie mir aufs Haupt zu streuen.

*aus: Rheinsberg. in: Werke und Briefe: 1912. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 415f.
(vgl. Tucholsky-GW Bd. 1, S. 51-52) (c) Rowohlt Verlag
**aus: Rheinsberg. in: Werke und Briefe: 1912. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 426-427
(vgl. Tucholsky-GW Bd. 1, S. 57) (c) Rowohlt Verlag
***aus: Rheinsberg. in: Werke und Briefe: 1912. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 430
(vgl. Tucholsky-GW Bd. 1, S. 58-59) (c) Rowohlt Verlag

P.S.: Einen habe ich noch, der vielleicht verdeutlicht, welche Rolle „Rheinsberg“ für Tucholsky selbst in seinem späteren Leben spielte. Ein Blick aus dem Jahre 1931:

Rheinsberg

(»Zum hundertsten Tausend«)

Natürlich kommt das nie mehr wieder.
Allein: es war einmal.
Ich war ein Star und pfiff die bunten Lieder;
ich war Johann, der muntre Seifensieder –
und Claire war real.

Das ist schon lange her.
Und heute -?
Jetzt sind die andern dran.
Nach unsrer Sprache plaudern Liebesleute,
Zahntechniker und ihre jungen Bräute . . .
Das hört sich also an:

»Du sock nisch imme nach die annern Mättschen blickn!
Isch eiffesüschtisch, olle Bums-Roué!
Du imme mit die kleinen Dickn!
Nu isch ins Bett bigehn bimickn,
weil müdischlisch biwé!«

So liebt euch denn (in allen Ehren)!
Die Liebe währet ewiglich.
Und folgt ihr dieses Büchleins Lehren
und küßt ihr euch, ihr Wölfchen und ihr Clairen -:

dann denkt an mich.

in: Werke und Briefe: 1931. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 8168-8169
(vgl. Tucholsky-GW Bd. 9, S. 95) (c) Rowohlt Verlag
http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm

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Das Buch zum Sonntag (20)

Ein Gedanke zu “Das Buch zum Sonntag (20)

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