Das Buch zum Sonntag (19)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Alexander Sergejewitsch Puschkin: Die Erzählungen des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin

Puschkins Bedeutung für die moderne russische Literatur kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er darf mit Fug und Recht als russischer Nationaldichter gelten. Auch wenn ihm natürlich der Zeitgeist in die Hände spielte (aus nachvollziehbaren Gründen ließ die auch im russischen Adel verbreitete Neigung, französisch zu sprechen, nach 1812 deutlich nach), so gibt es doch gute Gründe, warum eben er es war, dessen Werk sich so fulminant durchsetzte.
Er ist einfach gut. Es ist ein Genuß, Puschkin zu lesen (gesegnet diejenigen, die in der Lage sind, ihn im Original zu lesen).
Über sein lyrisches Werk möge an anderer Stelle gesprochen werden, ich empfehle der geneigten Leserschaft heute mein bevorzugtes Prosawerk aus seiner Feder.
Die Erzählungen Belkins (1831) mag ich besonders wegen ihrer Leichtigkeit und ihres immer wieder von geistreichen Anspielungen durchwebten, ironischen Stils. Es sind einfache Geschichten, die Puschkin hier erzählt, alle im ländlichen Raum angesiedelt (wenn auch weitgehend im adligen Milieu), aber von einer mitreißenden Lebendigkeit. Der Lesende nimmt gerne Anteil am Schicksal der Protagonisten, auch wenn er heute wohl nicht erfährt, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Und was haben wir da nicht alles zu erleben. Rache, unglückliche Liebe, Verwechslungen, lebende Tote, gebrochene Herzen und entführte Töchter.
Ich möchte mal ein paar kurze Stellen zitieren, um einen Eindruck zu vermitteln:

Maria Gawrilowna verdankte ihre Erziehung französischen Romanen, und infolgedessen war sie verliebt. Der Gegenstand, den sie sich auserwählt hatte, war ein armer Fähnrich, der den Urlaub in seinem Dorf verbrachte. Es versteht sich von selbst, daß der junge Mann von der gleichen Leidenschaft ergriffen war und daß die Eltern seiner Angebeteten, sowie sie die gegenseitige Zuneigung bemerkten, der Tochter verboten, auch nur an ihn zu denken, und ihn schlechter empfingen als einen Gerichtsbeisitzer in Ruhestand.

(aus: Der Schneesturm)*

Noch ein kleiner Seitenhieb gefällig? Bitte schön:

Am nächsten Tage, Punkt zwölf Uhr, traten der Sargmacher und seine Töchter aus der Pforte des neu erworbenen Hauses und gingen zu dem Nachbarn. Ich will hier weder den langschößigen russischen Rock Adrian Prochorows noch die europäische Aufmachung Akulinas und Darjas bescheiben und weiche in diesem Fall von der Gewohnheit ab, der unsere Romanciers von heute huldigen. Allerdings halte ich es nicht für überflüssig zu bemerken, daß sich beide Mädchen gelbe Hüte aufgesetzt und rote Schuhe angezogen hatten, was bei ihnen nur zu feierlichen Gelegenheiten geschah.

(aus: Der Sargmacher)**

Puschkins Fähigkeit zur Selbstironie zeigt sich auch bereits im Vorwort, in dem er sich als Herausgeber der Erzählungen präsentiert. Dort läßt er in einem Portrait Belkins, der ja der angebliche Verfasser ist, einen Freund desselben schreiben:

Allerdings sind fast alle Personennamen, die darin vorkommen, von ihm selbst erdacht und die Namen der Dörfer und Flecken unserer Gegend entnommen, so daß auch mein Dorf an einer Stelle erwähnt wird. Dies ist nicht auf irgendeine böse Absicht zurückzuführen, sondern allein auf den Mangel an Phantasie.

(aus: Vom Herausgeber)***

Und Vielfalt in der Auswahl von Personennamen und Orten scheint mir wahrlich nicht Puschkins große Stärke zu sein.

Mit der Lieferbarkeit ist das so eine Sache. Eine Einzelausgabe der Erzählungen Belkins scheint es nicht zu geben, wohl aber ein paar Sammelausgaben zusammen mit anderen Erzählungen. Antiquarisch sieht es da schon deutlich besser aus, ich verweise da einmal auf den Band „Romane und Novellen“ aus der sechsbändigen Aufbau-Werk-Ausgabe, den die geneigte Leserschaft zum Beispiel hier suchen kann.

*Ich zitierte nach folgender Ausgabe:
Alexander Sergejewitsch Puschkin: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Romane und Novellen (Bd. 4). Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 3. Aufl. 1969. hier: S. 70f.
Die Übersetzung der Erzählungen Belkins stammt von Michael Pfeiffer.
**a.a.O., S. 86
***a.a.O., S. 54

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