Das Buch zum Sonntag (18)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Juli Zeh: Spieltrieb

Betrachte ich die Liste der von mir bisher empfohlenen Bücher, so neige ich zu der Ansicht, daß es wohl doch so etwas wie einen Zeitgeist zu geben scheint, dem man sich nur schwer entziehen kann. Juli Zeh, geb. 1974, reiht sich in die Reihe all jener Schriftstellerinnen ein, die um die Jahrtausendwende ihr Debut veröffentlichten. Und schreibt doch deutlich anders als etwa eine Judith Hermann.
Juli Zeh ist von Hause aus Juristin, ihr Studienschwerpunkt war das Völkerrecht. Dieses spielt denn auch in ihrem Debutroman „Adler und Engel“ (2001) eine gewichtige Rolle. Aber dazu ein anderes Mal mehr.
Heute möchte ich ihren zweiten Roman empfehlen, den 2004 erschienenen Roman „Spieltrieb“.
Ich vergleiche Juli Zehs Werke gerne mit einer Versuchsanordnung. Es gibt eine Konstellation und ein Forschungsinteresse und der Versuch wird daraufhin konsequent und kompromißlos durchgeführt. Abschweifungen und stimmungsgeladene Beschreibungen sind ihre Sache nicht (eben ganz anders als die von mir ebenfalls sehr geschätzte Judith Hermann). Das hat natürlich Auswirkungen auf die Sprache und den Stil des Buches. Sie schreibt in einer klaren, nüchternen Sprache, wenn auch nicht ohne Eleganz. Und unglaublich dicht. Man hat als Lesender nie den Eindruck, auch nur ein Wort wäre zu viel geschrieben. Und wenn sie ihre Leser mit warmen Tönen nicht verwöhnt, so sind ihre Figuren doch gelungene Portraits, die Identifikation, Mitleben und Mitleiden ermöglichen.
„Spieltrieb“ stellt die Frage nach der Anwendbarkeit, wenn nicht überhaupt nach der Existenzberechtigung juristischer, vielleicht sogar gesellschaftlicher Regeln. Die Frage nach Macht, nach Kontrolle, nach Spielregeln.
Zwei Schüler eines Bonner Internatsgymnasiums beschließen, ein Spiel zu spielen. Objekt ihres Spieles: Ein Lehrer. In der festen Überzeugung, die Fäden in der Hand zu halten, die Regeln zu bestimmen und vor allem: Es tun zu können, es tun zu dürfen.
Und hier wird es für mich über die Geschichte selbst hinaus hoch interessant: Eine Gesellschaft, die nur noch die individuelle Lusterfüllung, das Nachgeben ausschließlich den eigenen Trieben, das Nichtverzichten auf eigene Vorteile, das reine Streben nach Macht um der Macht willen kennt. Eine solche Gesellschaft ist dem Untergang geweiht. Und nach Lektüre des Romans kann man durchaus zu der Überzeugung gelangen, daß wir da gar nicht so weit von entfernt sind.
Wie gesagt: Frau Zeh erspart ihren Lesern nichts. Der Versuch wird konsequent durchgeführt.
Ehe nun aber der Eindruck entsteht, das Buch sei trocken oder reine Schwerstarbeit, möchte ich mal eine Stelle zitieren, die verdeutlichen kann, welches Vergnügen es macht, Juli Zeh beim Sezieren(lassen) zu beobachten:

Wir sind im Geschichtsleitungskurs, es wird die These diskutiert, daß der Krieg im Irak genauso viel mit dem Anschlag auf das World Trade Center zu tun habe wie der Erste Weltkrieg mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers.

Die hohe Politik, so Höfi, sei in letzter Konsequenz immer pragmatisch, während die Ideologie den außerstaatlichen Akteuren vorbehalten bleibe. Diese nenne man „Menschenrechtsschützer“, „Umweltaktivisten“ oder „Zivilgesellschaft“, solange sie unblutig vorginge, und „Terroristische Netzwerke“, wenn sie zu den falschen Mitteln griffen.
In der Klasse wurde geraunt. Joe schüttelte die Lockenmähne und erhob sich halb von ihrem Stuhl.
„Wollen Sie Greenpeace mit der Al Quaida vergleichen?“
Höfe antwortete mit einem vorsichtigen „Ja“. Es gehe ihm um stahlklares Denken, nüchternen Vergleich und eine Betrachtungsweise, die den Medientrampelpfad verlasse. Er spreche von Strukturen.

(S. 146)

Natürlich führt eine solche Eröffnung zu wilden Debatten, ein Lehrer, der solche Thesen in den Raum stellt, braucht sich über mangelnde Beteiligung der Klasse selten beklagen. 😉
Nun aber greift Ada ein, eine der Protagonistinnen des Romans und diese Stelle lasse ich mir gerne immer wieder genüßlich auf der Zunge zergehen:

„Der Westen“, sagte sie, „hat in der Tat ein strukturelles Problem. Man könnte auch sagen: ein dramaturgisches.“ Ihre Stimme war eine halbe Oktave in den Keller gerutscht und vibrierte unten im Brustkorb, als wollte sie die Werbeansage für eine Erotik-Hotline auf Band sprechen. Dieser Klang besaß eine Autorität, die ihr selber fremd war. „Guckt ihr keine Hollywoodfilme? Wer sind denn die gefährten im Lord of the Rings? Sie marschieren als Einzelkämpfer gegen ein wohlorganisiertes, hochgerüstetes Staatswesen. Man könnte auch sagen: Sie sind Terroristen.“ Als die Klasse aufheulte, fuhr Höfi dazwischen und ebnete ihr akustisch den Weg. „Dann sage ich eben: Terroristen des Guten, wen euch das besser gefällt. Reine Definitionsfrage. Worauf es ankommt, ist die Form: Ein paar Insurgenten, die sich todesmutig ins Zentrum der Macht stürzen, sind nach den gesetzen Hollywoods strukturell im Recht.“ Durch die plötzliche Stille marschierten Adas Worte wie die Armeen eines unbesiegbaren Herrschers. „Ich sage todesmutig, zum Beispiel mit einem Flugzeug, ins Zentrum der Macht. Das ist David gegen Goliath, Luke Skywalker gegen den Todesstern. Panem et circenes!“ […]
„Die Nervosität der Vereinigten Staaten und das laute, weltweite Geschrei rühren daher, dass die angreifende Supermacht Angst hat und sich heimlich im Unrecht glaubt. Hollywood und Bibel sind die Träger der amerikanischen Kultur, und beide Quellen lehren, dass David siegt und Mordor untergehen muss. Wer sich nicht im Recht fühlt, gefährlich, wenn er trotzdem handelt. Sehr gefährlich.“

(S. 147f.)

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

P.S.: Ich bitte die erneute Verspätung zu entschuldigen, diesmal gab es technische Gründe. Ich sage nur: Beiträge sicherheitshalber lieber offline erstellen… 😦

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Das Buch zum Sonntag (18)

3 Gedanken zu “Das Buch zum Sonntag (18)

  1. Das Buch zum Sonntag (60)Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:
    Juli Zeh: Adler und Engel

    Juli Zeh halte ich für eine der interessantesten jüngeren Schriftstellerinnen, weshalb sie hier bereits auch schon sehr zeitig einmal empfo…

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