Klett auf Abwegen?

Meine politische Sozialisierung habe ich im Milieu der LandesSchülervertretungen Mitte der neunziger Jahre erfahren. Bei Treffen auf Bundesebene habe ich dort für mich sehr bizarre Erfahrungen machen können. Um die Gleichberechtigung der Geschlechter herzustellen gab es da so putzige Ideen wie die quotierte Redeliste (die unabhängig von der tatsächlichen Zusammensetzung des Gremiums natürlich 1:1 quotiert war, was dazu führte, daß ich zwar erst zu Wort kam, wenn das Thema schon lange durch oder der Redebeitrag, auf den ich mich bezog, von allen vergessen war, die junge Dame aus NRW aber nahezu jeden zweiten Redebeitrag stellen durfte) oder, noch viel besser: Das Frauenplenum. In der Interpretation dort bedeutete dies, daß jederzeit die Frauen beschließen konnten, die Herren mögen doch bitte draußen warten, bis man sich geeinigt hat. Kurz: Allein aufgrund meines Geschlechtes war ich Diskussionspartner zweiter Klasse. Wie sexistisch hätten sie´s denn gern?
Auch sehr bizarr: Nach langer Reise im Westen ankommen und vom Oktoberklub begrüßt werden (lief da wirklich in der Stereoanlage).
Naja, lassen wir das.
Was ich sagen wollte: Ich bin seitdem äußerst skeptisch, was diverse praktische Ideen in Sachen Gendergerechtigkeit angeht. Gebranntes Kind…

Nichtsdestotrotz bin ich der festen Überzeugung, daß das in meinen Augen unbedingt notwendige Aufbrechen klassischen Rollenverhaltens Unterstützung braucht. Sicher, die Gesellschaft ist dort schon ein deutliches Stück weiter gekommen, aber Traditionen sind hartnäckig. Wir werden aber in Zukunft mehr denn je jeden Kopf und jede Hand brauchen. Entscheidend müssen Talente und Fähigkeiten sein und nicht das Geschlecht. Wir können auf niemanden verzichten. Auf keinen Mann, der gut zeichnen kann und keine Frau, die Nägel grade in die Wand kloppt. Talente und Fähigkeiten sind bunt verteilt, es gilt sie zu fördern.
Dazu aber gehört, daß sich Jungen als Jungen fühlen dürfen, wenn sie lieber Malen als Bolzen und Mädchen dürfen Mädchen sein, auch wenn sie weißen Einhörnern und rosa Feen nichts abgewinnen können.
Hierfür jedoch brauchen sie Unterstützung. Denn die Auflösung der traditionellen Rollenbilder führt eben auch dazu, daß die Sicherheit, die sie bieten, verloren geht. Nicht zufällig gibt es seit Jahren eine Konjunktur für diverseste Psychotests, die es ermöglichen, sich einem „Typ“ zuzuordnen, eine Definition für die eigene Rolle zu finden. Menschen sind immer auf der Suche nach Identifikationsmöglichkeiten, Kinder sind es erst Recht.
Neben verschiedensten Versuchen, neue Rollenbilder zu entwerfen, gibt es aber auch die gegenteilige Entwicklung. Nämlich eine Renaissance alter Rollenbilder, nicht selten gepaart mit dem Abkanzeln der bösen Achtundsechziger, die ja an allem Schuld sein (dieser Tenor beginnt ganz weit rechts außen und zieht sich weit bis tief in die Mitte – immer mit einem Jammern über ein behauptetes Meinungsdiktat der „Linken“, was man ja auch problemlos an den Auflagenzahlen so linksdogmatischer Blätter wie „Bild“, „Welt“ oder „FAZ“ ablesen kann ;)).
Und in diese Reihe stößt nun also auch der renommierte Klett-Verlag, der geneigten Leserschaft sicher spätestens durch seine Reihe „PONS“ bekannt.
Dort erschienen jüngst zwei Textaufgabenhefte, getrennt für Mädchen und Jungen. Und mit allem, was das Klischee zu bieten hat. Rosarote Prinzessinen, fußballspielende Kerle und mal guten (bei den Mädels) oder aber bösen (bei den Jungs) Hexen. Zwei Debattenbeiträge, die diese Neuerscheinung ausgelöst hat, seien hier erwähnt: Einen furiosen Beitrag dazu hat @textzicke geschrieben, deutlich abwägender und auf den Inhalt eingehend findet sich ein Beitrag in der taz.

Nun liegt es mir fern, einem Privatunternehmen vorwerfen zu wollen, auf Trends zu reagieren und sich an die Kunden, wie sie nun mal sind, zu wenden und nicht so, wie wir sie manchmal gern hätten. Klett ist damit ja auch beileibe nicht der erste Verlag, solche Sachen gibt es, auch außerhalb des üblichen Filmlizenzengeschäfts, schon länger (zum Beispiel bei Fleurus, die eine Lernspielschultasche für Mädchen und für Jungen anbieten – allerdings, bei allem Respekt vor der verlegerischen Arbeit: Man sieht den Produkten an, daß sie für einen Massenmarkt produziert wurden.
Aber: Aus gesellschaftlicher Sicht halte ich es für bedenklich, wenn nun also selbst Verlage mit erklärtem pädagogischen Anspruch offenbar der Meinung sind, die kreative Leistung ihrer Autoren in Werke zu stecken, die eine solche Renaissance unterstützen.
Denn das bedeutet ganz klar: Wir kommen vom Wege ab.

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