Das Buch zum Sonntag (15)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Heinrich Mann: Professor Unrat

Auch hier erspare ich mir in meiner bildungsbürgerlichen Arroganz etwas über den Autor zu sagen und komme gleich zum Buch. 😉
Der Roman erschien 1905 und war ein großer Erfolg. Was die Publikumswirksamkeit angeht, wohl sein größter überhaupt und bescherte dem Feuilleton das ergiebige Thema zweier ungleicher Brüder (und ein Ende der Ergiebigkeit ist nicht abzusehen).

Betrachtet man ein wenig Zeit und Umstände, so ist der Erfolg nachvollziehbar. Es war stets Heinrich Manns großes Talent, die eigene Zeit treffend zu beschreiben.
Erzählt wird die Geschichte des tyrannischen Gymnasiallehrers Raat, der sich seinen Spitznamen „Unrat“ redlich verdient hatte.
Doch wie jeden Tyrannen grämt es ihn, wenn man sich über ihn lustig macht und so tobt an jedem Schultag ein Kampf gegen sich widersetzende Untertanen, die „Nebendinge“ treiben oder ihm „seinen Namen geben“. Das auslösende Moment des Romans ist jedoch ein Schüler, Lohmann, der sich schlicht weigert, die ganze Angelegenheit überhaupt Ernst zu nehmen, ja nicht einmal Raat, wie alle anderen „Unrat“ nennt. Und das ist nun das allerschlimmste. Die herrschende Ordnung anzufeinden, sie zu bekämpfen – das ist freilich schon verwerflich.
Aber sich ironisch lächelnd über sie zu erheben und sie schlicht nicht anzuerkennen, das ist etwas, was ein Herrscher unmöglich hinnehmen kann.
Und so sinnt Raat auf Rache, auf Vernichtung. Diese scheint sich ihm zu bieten, als er in Lohmanns Aufsatzheft Verse auf eine gewisse Rosa Fröhlich findet, die ganz offenbar Künstlerin zu sein scheint. Dieser Verbindung will er auf den Grund gehen. Noch mehr zum Verlauf der Geschichte zu sagen, bedürfte einer Spoilerwarnung und ich möchte ja den wenigen, die das Buch oder seinen Inhalt noch nicht kennen, ja das Vergnügen nicht nehmen, den Handlungsstrang selbst zu entdecken.

Was diesen Roman auch heute noch lesenwert macht, ist Heinrich Manns hohe Kunst zum Psychogramm. Hier wie auch in vielen anderen Werken, zeichnet er Typen, zeichnet er Menschen mit einer derartigen Präzision, daß man sie unweigerlich vor sich stehen hat und nicht selten auch im Geiste sich Gesichter von Menschen aus dem eigenen Leben über die beschriebenen Personen legen.
Übrigens ist genau dies auch der Grund, weshalb es Heinrich Mann nicht leicht gemacht wird, gloria aeterna als eigener Künstler und eben nicht nur als der kurioserweise ebenfalls schriftstellernde ältere Bruder des Nobelpreisträgers zu erringen. Nicht selten sind seine Werke tatsächlich zeitgebunden und machen es späteren Generationen nicht leicht, sie zu verstehen.

Was aber für „Professor Unrat“ nicht zutrifft. Die Grabenkämpfe im Schulzimmer werden vielen, leider, sofort vertraut vorkommen, auch die unterschiedlichen Typen der Schüler, die jeweils anders auf den Tyrannen reagieren, behalten ihre Gültigkeit weit über den engen Rahmen der Schulzeit hinaus. Und Raat schließlich, der von Mann hinreißend karikiert und vorgeführt führt, der über die implizierte Kritik an der Untertanenschule Preußens hinaus (unter der etliche Kreative seiner Generation litten, die entsprechenden Berichte füllen Bände), der all das personifiziert, was Heinrich Mann zeit seines Lebens am Bürgertum verachtete, all die Scheinheiligkeit, das Bigotte, die Untertanenmentalität, die Selbstverliebtheit – alles wird ans Licht gezogen, geprüft, für zu leicht befunden und verspottet.

Ich möchte heute nur eine Stelle zitieren, die zwar wenig mit der Handlung und ihren einzelnen Personen zu tun hat, die ich jedoch (leider) immer noch viel zu oft gültig finde:

Mit der „Jungfrau von Orleans“ beschäftigte die Klasse sich seit Ostern, seit dreiviertel jahren. Den Sitzengebliebenen war sie sogar schon aus dem Vorjahr geläufig. Man hatte sie vor- und rückwärts gelesen, Szenen auswendig gelernt, geschichtliche Erläuterungen geliefert, Poetik an ihr getrieben und Grammatik, ihre Verse in Prosa übertragen und die Prosa zurück in Verse. Für alle, die beim ersten Lesen Schmelz und Schimmer auf diesen Versen gespürt hatten, waren sie längst erblindet. Man unterschied in der verstimmten Leier, die täglich wieder einsetzte, keine Melodie mehr. Niemand vernahm die eigen weiße Mädchenstimme, in der geisterhafte, strenge Schwerter sich erheben, der Panzer kein Herz mehr deckt und Engelflügel, weit ausgebreitet, licht und grausam dastehn. Wer von diesen jungen Leuten später einmal unter der fast schwülen Unschuld jener Hirtin gezittert hätte, wer den Triumph der Schwäche in ihr geliebt hätte, wer um die kindliche Hoheit, die, vom Himmel verlassen, zu einem armen, hilflos verliebten kleinen Mädel wird, je geweint hätte, der wird nun das alles nicht so bald erleben. Zwanzig Jahre vielleicht wird er brauchen, bis Johanna ihm wieder etwas anderes sein kann als eine staubige Pedantin.

(S. 13*)

Gesegnet, wer sich nun nicht an den eigenen Deutschunterricht erinnert fühlt.

Zum Abschluß noch der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben

P.S.: Der Film ist ohne Zweifel sehenswert, setzt jedoch ganz andere Schwerpunkte und darf bestenfalls als „am Roman orientiert“ eingestuft werden, ersetzt also die Lektüre nicht. 😉

*zitiert nach: Mann, Heinrich: Professor Unrat (limitierte Sonderausgabe). Fischer Taschenbuch. Frankfurt 2007

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