Das Buch zum Sonntag (14)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray

Oscar Wilde (1854-1900) ist einer der geistreichsten Schriftsteller der Literaturgeschichte.
Seine noch heute unglaublich erfrischenden Theaterstücke (ich verweise hier einmal auf die hinreißenden Verfilmungen von „An Ideal Husband“ (1999) und „The Importance of Being Earnest“ (2002) – wer sich unter „Dandy“ nichts konkretes vorstellen kann, muß Rupert Everett in diesen beiden Filmen sehen) sind Meisterwerke des Wortwitzes, des sprühenden Esprits und der Ironie. Sie begründeten seinen zeitgenössischen Erfolg.
Da ich aber der Meinung bin, daß Theaterstücke auf die Bühne gehören, empfehle ich diese nicht zur Lektüre, sondern seinen einzigen Roman.
Erzählt wird die Geschichte des jungen, ausnehmend gutaussehenden Dorian Gray, der sich von einem befreundeten Maler porträtieren läßt. Bei der Betrachtung des Kunstwerkes überfallen ihn Gedanken an die Vergänglichkeit der eigenen Schöhnheit und lassen ihn den Wunsch verspüren, das Bild möge an seiner Stelle die Spuren des Lebens tragen, er selbst jedoch makellos schön bleiben.
Unter dem Einfluß Lord Henry Wottons, eines typischen Wildeschen Dandys, beginnt Dorian ein Leben, in dem sukzessive moralische, ethische oder sonstige Schranken überwunden werden, einzig die eigene Lust, das eigene Vergnügen gilt als Kriterium.

Der Roman ist geprägt von einer stark dialogischen Struktur (was bei einem gefeierten Dramatiker wenig wundert) und bietet so eine weitläufige Bühne für geistreiche Dialoge und Bonmots. Darüber hinaus arbeitet Wilde aber stark mit intertextuellen Bezügen (die aber glücklicherweise nicht bemerkt werden müssen, um genußvoll lesen zu können) und, auch wenn er keine Antwort anbietet, so arbeitet er sich doch an zutiefst philosophischen Fragen ab. Und: Es bleibt keineswegs durchweg heiter und unbeschwert – die Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts hat Wilde nie unberührt gelassen. 😉

Joyce meinte dazu:

Worin Dorian Grays Sünde bestand, sagt niemand und weiß auch niemand. Jeder, der sie erkennt, hat sie begangen…

Es fiel mir schwer, ein Zitat für die heutige Empfehlung zu finden und die Stelle, die ich im Kopf hatte, wollte sich partout nicht auffinden lassen (ja, diese digitalen Ausgaben haben auch Vorteile…). Entschieden habe ich mich letztlich für diesen Dialog:

„Wohin gehst Du zum Lunch?“
„Zu Tante Agatha. Ich habe mich mit Mr. Gray dort eingeladen. Er ist ihr neuester Protegé.“
„Hm, sag deiner Tante Agatha, Harry, sie soll mich mit ihren Wohltätigkeitsappellen in Ruhe lassen. Ich habe sie über. Weiß Gott, das gute Frauenzimmer glaubt, ich habe nichts zu tun als Schecks für ihre langweiligen Marotten auszustellen.“
„Abgemacht, Onkel George, ich werde es ihr sagen, aber es wird gar nichts nützen. Leute, die sich mit Wohltätigkeit abgeben, verlieren alle Menschlichkeit; das ist ihr Hauptcharakterzug.“

(S. 47 der detebe-Ausgabe)

Nun fehlt nur noch der übliche Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

und ein letztes Zitat eines Literaten zu Oscar dem Großen, dieses Mal von Jorge Luis Borges:

Nachdem ich im Laufe der Jahre Wilde gelesen und wieder gelesen habe, bich ich auf eine Tatsache aufmerksam geworden, die seine Lobredner, so scheint es, nicht einmal geahnt haben: die nachprüfbare, elementare Tatsache nämlich, daß Wilde fast immer recht hat.

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Das Buch zum Sonntag (14)

Ein Gedanke zu “Das Buch zum Sonntag (14)

  1. Das Buch zum Sonntag (54)Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

    Oscar Wilde: Ein idealer Gatte

    Prinzipiell bin ich der Meinung, Theaterstücke gehören nicht gelesen, sondern gespielt. Schließlich wurden sie genau dafür geschrieb…

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