Nach den Wahlen

Den Kommentar zur heutigen Wahl hält der Hausheilige dieses Blogs, Dr. jur. Kurt Tucholsky:

Nach den Wahlen

Jetzt ist die wile Zeit vorüber,
nun hat die liebe Seele Ruh – –
des Bürgers Blick wird wieder trüber,
ihm fallen beide Augen zu.

Im Wahlkampf blusen die Trompeten
mit Pflichtgefühl und viel Getös –
Attacken selten, meist Retraiten –
er meint es nämlich nicht so bös.

Den Braven schüttelt ein Gehust,
er kann nicht mehr, er ist so matt;
schon fehlt es an der nötigen Puste,
weil er sich überanstrengt hat.

Wir wollen ihn ins Bettchen stecken.
Er schläft und die Regierung wacht…
So laßt ihn ruhen. Nur nicht wecken! –
Wir wünschen ihm ´ne
Gute Nacht!

in: Kurt Tucholsky. Gesamtausgabe Texte und Briefe, Bd. 1 (Texte 1907-1913), Reinbek 1997, S. 32. zuerst veröffentlicht im „Vorwärts“ am 26.1.1912

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Nach den Wahlen

Das Buch zum Sonntag (16)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Banana Yoshimoto: Kitchen*

Dies könnte heute eine der persönlichsten Buchempfehlungen dieser Reihe werden.
Es gibt hin und wieder Künstler, deren Werk auf eine Art berührt, die eine enge Verbindung entstehen läßt. Deren Werke werden zu einem festen Begleiter des eigenen Lebens. Man geht jeden Schritt mit, nimmt jedes neue Werk in den eigenen Erfahrungshorizont auf – und selbst wenn es Werke gibt, die nicht gelungen scheinen, ja vielleicht sogar wirklich schlecht sind, man geht den Weg gemeinsam.
Dabei ist es natürlich aus finanzieller Sicht ungemein hilfreich, wenn es sich a) nicht um bildende Künstler handelt und b) der betreffende Künstler zu einem Zeitpunkt ins eigene Leben tritt, zu dem sein Werk noch nicht zu umfangreich ist. Bei mir trifft dies beispielsweise auf die Beatles zu, deren Diskographie dank des überschaubaren Wirkungszeitraumes begrenzt ist, aber man stelle sich vor, jemand entdeckte die Rolling Stones heute für sich. Für deren komplette Diskographie lohnt sich dann schon ein Lottoschein.
Zu den wenigen Schriftstellern, die mir ähnlich lieb und teuer sind, gehört Banana Yoshimoto (geb. 1964). Nicht alles, was sie geschrieben hat, ist wirklich gut, einige Bücher würde ich sogar durchaus mit dem Prädikat „schlecht“ versehen wollen, aber trotzdem warte ich gespannt auf jede neue Übersetzung, lese jedes ihrer verfügbaren Bücher – weil sie mir als Autorin wichtig ist. Weil ich sie zu einem Zeitpunkt im Leben entdeckt habe, an dem mir die Lektüre ihrer Bücher viel gegeben hat, mir völlig neue Horizonte eröffnete, eine ganz andere Art zu schreiben aufzeigte.

Ich habe daher auch lange überlegt, welches ihrer Bücher ich hier (zuerst) vorstelle. Für jeden Aspekt, der mir bei ihr wichtig erscheint und für jedes ihrer Themen fällt mir mindestens ein Buch ein, in dem sie besser ist. Und doch soll es dieses sein, weil es das erste ist, was ich von ihr las und weil es einen zusätzlichen Aspekt gibt, den alle anderen nicht mehr haben.

Das Buch ist kein zusammenhängender Roman, sondern die Zusammenstellung dreier Erzählungen, nämlich Kitchen, Vollmond (Kitchen 2) und Moonlight Shadow, wobei die ersten beiden zusammen gehören, die dritte ist ihre prämierte Abschlußarbeit an der Nihon Daigaku.
Frau Yoshimotos Figuren sind junge, urbane Menschen, häufig in der späten Adoleszenzphase, die auf der Suche sind. Auf der Suche nach ihrem Weg in einer Welt, deren Buntheit sie lieben, deren Anonymität ihnen aber zu schaffen macht. Junge Menschen auf der Suche nach einer Neudefinition ihres Lebens, auf der Suche nach Menschen, die ihnen nahe sein können, auf die sie sich einlassen können, gleichzeitig aber zurückschreckend vor zu viel Nähe aus Angst vor Verlust.
Denn genau dieser eint sie: Der erlebte Verlust nahestehender Menschen. Die Protagonistin der ersten beiden Erzählungen, Mikage Sakurai, steht nach dem Tod der Großmutter, ihrer letzten Verwandten, völlig entwurzelt da und droht, in ihrer Trauer zu versinken. Eine von mir hoch geschätzte Kollegin, die inzwischen die Branche gewechselt hat, fragte mich einmal, worum es denn in Kitchen ginge. Meine Antwort: Um Küchen.

Da ich anfangs, wo ich mich auch hinlegte, nur schwer einschlafen konnte, bewegte ich mich auf der Suche nach einem angenehmeren Schlafplatz immer weiter von meinem Zimmer weg. Bis ich eines frühen Morgens herausfand, daß ich neben dem Kühlschrank am besten schlief. […]
Leise schleppte ich eine sanfte Müdigkeit hinter mir her, die die übergroße, tränenlose Traurigkeit hervorgerufen hatte. Abends legte ich im stillen Licht der Küche meinen Futon aus. In eine Wolldecke gekuschelt, wie Linus aus dem Comic-strip, schlief ich ein. Das gleichmäßige Summen des Kühlschranks hielt alle Gedanken der Einsamkeit von mir fern. Eine ruhige, lange Nacht ging vorüber, der Morgen kam.

(S. 10f.)

Der aufmerksame Leser des Buches wird den Wandel der Bedeutung, den die Küchen in Mikages Leben haben, bemerken. 😉
Thema all ihrer frühen Werke bleibt die Frage nach der Neudefinition von „Familie“ und der Rolle von Mann und Frau in einer Welt, in der die traditionellen Maßstäbe für diese Themen nicht mehr greifen.
Die Erzählungen wurden in Japan zuerst 1988 veröffentlicht und bescherten Banana Yoshimoto in Japan einen Kultstatus, den man gemeinhin nur von Popstars kennt. Was ihr gleichzeitig ermöglichte, von ihrer Arbeit zu leben. Und damit wären wir beim Zusatzaspekt, den Kitchen im Vergleich zu allen anderen Büchern von ihr hat:
Banana Yoshimoto schrieb diese Erzählung, wärend sie als Kellnerin jobbte. Und zwar tatsächlich nicht selten während der Arbeit. Das hat natürlich Auswirkungen. Die Erzählung ist nicht sehr fein ausgearbeitet, es gibt Sprünge im Erzählstrang und eine ihrer großen Stärken, das metaphernreiche und doch leichtfüßige, stimmige Zeichnen von Gefühlszuständen, die manchmal widerstreitend und doch nahtlos ineinander übergehen (wie man das nun mal so ist in der Adoleszenz), kommt hier nur in Ansätzen zur Geltung. Und doch spürt man als Leser: Da ist etwas, da steckt etwas drin. Und wird schon mit Vollmond (Kitchen 2) für seine Ausdauer belohnt.
Wer diese Ausdauer nicht aufbringen möchte, wen dieser Einblick in die Arbeitswerkstatt einer angehenden Schriftstellerin nicht zu reizen vermag, darf auch gerne gleich mit Vollmond beginnen, die Erzählung funktioniert auch ohne Teil 1.

Wem das Buch am Ende doch nichts zu sagen hatte, dem sei auf jeden Fall jedoch das angefügte Essay von Giorgio Amitrano empfohlen, das Frau Yoshimoto in den Erzählkosmos japanischer Literatur einordnet und einige Besonderheiten herausarbeitet, die geeignet sein dürften, den Blick auf verschiedene Phänomene der zeitgenössischen japanischen Kultur zu verändern.

Zum Schluß noch einen Auszug aus der Rezension des Spiegel, den ich sehr treffend finde:

In Yoshimotos Figuren finden sich Japans Teenager endlich wieder – als verirrte Motten, die zwischen den Abgründen des Lebens flattern.

Und natürlich darf der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

nicht fehlen.
Vom Hörbuch rate ich jedoch ab. Frau Schwarz fängt die Stimmung der Erzählungen nicht annähernd ein.

P.S.: Autorentreue ist übrigens das hervorstechende Merkmal des Diogenes-Verlages. Verleger Daniel Keel meinte einmal: „Wir verlegen keine Bücher, sondern Autoren.“ Wundert es da noch jemanden, daß Diogenes der wahrscheinlich beliebteste Verlag unter BüchhändlerInnen ist? 😉

*Für die Kenner in der geneigten Leserschaft: Ich passe mich bei der Schreibweise japanischer Namen den hiesigen Gepflogenheiten an. Mit der korrekten Schreibweise liefen die geneigten Leser nämlich leider Gefahr, sich hierzulande im örtlichen Buchhandel zu blamieren. 😉

Das Buch zum Sonntag (16)

Das Buch zum Sonntag (15)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Heinrich Mann: Professor Unrat

Auch hier erspare ich mir in meiner bildungsbürgerlichen Arroganz etwas über den Autor zu sagen und komme gleich zum Buch. 😉
Der Roman erschien 1905 und war ein großer Erfolg. Was die Publikumswirksamkeit angeht, wohl sein größter überhaupt und bescherte dem Feuilleton das ergiebige Thema zweier ungleicher Brüder (und ein Ende der Ergiebigkeit ist nicht abzusehen).

Betrachtet man ein wenig Zeit und Umstände, so ist der Erfolg nachvollziehbar. Es war stets Heinrich Manns großes Talent, die eigene Zeit treffend zu beschreiben.
Erzählt wird die Geschichte des tyrannischen Gymnasiallehrers Raat, der sich seinen Spitznamen „Unrat“ redlich verdient hatte.
Doch wie jeden Tyrannen grämt es ihn, wenn man sich über ihn lustig macht und so tobt an jedem Schultag ein Kampf gegen sich widersetzende Untertanen, die „Nebendinge“ treiben oder ihm „seinen Namen geben“. Das auslösende Moment des Romans ist jedoch ein Schüler, Lohmann, der sich schlicht weigert, die ganze Angelegenheit überhaupt Ernst zu nehmen, ja nicht einmal Raat, wie alle anderen „Unrat“ nennt. Und das ist nun das allerschlimmste. Die herrschende Ordnung anzufeinden, sie zu bekämpfen – das ist freilich schon verwerflich.
Aber sich ironisch lächelnd über sie zu erheben und sie schlicht nicht anzuerkennen, das ist etwas, was ein Herrscher unmöglich hinnehmen kann.
Und so sinnt Raat auf Rache, auf Vernichtung. Diese scheint sich ihm zu bieten, als er in Lohmanns Aufsatzheft Verse auf eine gewisse Rosa Fröhlich findet, die ganz offenbar Künstlerin zu sein scheint. Dieser Verbindung will er auf den Grund gehen. Noch mehr zum Verlauf der Geschichte zu sagen, bedürfte einer Spoilerwarnung und ich möchte ja den wenigen, die das Buch oder seinen Inhalt noch nicht kennen, ja das Vergnügen nicht nehmen, den Handlungsstrang selbst zu entdecken.

Was diesen Roman auch heute noch lesenwert macht, ist Heinrich Manns hohe Kunst zum Psychogramm. Hier wie auch in vielen anderen Werken, zeichnet er Typen, zeichnet er Menschen mit einer derartigen Präzision, daß man sie unweigerlich vor sich stehen hat und nicht selten auch im Geiste sich Gesichter von Menschen aus dem eigenen Leben über die beschriebenen Personen legen.
Übrigens ist genau dies auch der Grund, weshalb es Heinrich Mann nicht leicht gemacht wird, gloria aeterna als eigener Künstler und eben nicht nur als der kurioserweise ebenfalls schriftstellernde ältere Bruder des Nobelpreisträgers zu erringen. Nicht selten sind seine Werke tatsächlich zeitgebunden und machen es späteren Generationen nicht leicht, sie zu verstehen.

Was aber für „Professor Unrat“ nicht zutrifft. Die Grabenkämpfe im Schulzimmer werden vielen, leider, sofort vertraut vorkommen, auch die unterschiedlichen Typen der Schüler, die jeweils anders auf den Tyrannen reagieren, behalten ihre Gültigkeit weit über den engen Rahmen der Schulzeit hinaus. Und Raat schließlich, der von Mann hinreißend karikiert und vorgeführt führt, der über die implizierte Kritik an der Untertanenschule Preußens hinaus (unter der etliche Kreative seiner Generation litten, die entsprechenden Berichte füllen Bände), der all das personifiziert, was Heinrich Mann zeit seines Lebens am Bürgertum verachtete, all die Scheinheiligkeit, das Bigotte, die Untertanenmentalität, die Selbstverliebtheit – alles wird ans Licht gezogen, geprüft, für zu leicht befunden und verspottet.

Ich möchte heute nur eine Stelle zitieren, die zwar wenig mit der Handlung und ihren einzelnen Personen zu tun hat, die ich jedoch (leider) immer noch viel zu oft gültig finde:

Mit der „Jungfrau von Orleans“ beschäftigte die Klasse sich seit Ostern, seit dreiviertel jahren. Den Sitzengebliebenen war sie sogar schon aus dem Vorjahr geläufig. Man hatte sie vor- und rückwärts gelesen, Szenen auswendig gelernt, geschichtliche Erläuterungen geliefert, Poetik an ihr getrieben und Grammatik, ihre Verse in Prosa übertragen und die Prosa zurück in Verse. Für alle, die beim ersten Lesen Schmelz und Schimmer auf diesen Versen gespürt hatten, waren sie längst erblindet. Man unterschied in der verstimmten Leier, die täglich wieder einsetzte, keine Melodie mehr. Niemand vernahm die eigen weiße Mädchenstimme, in der geisterhafte, strenge Schwerter sich erheben, der Panzer kein Herz mehr deckt und Engelflügel, weit ausgebreitet, licht und grausam dastehn. Wer von diesen jungen Leuten später einmal unter der fast schwülen Unschuld jener Hirtin gezittert hätte, wer den Triumph der Schwäche in ihr geliebt hätte, wer um die kindliche Hoheit, die, vom Himmel verlassen, zu einem armen, hilflos verliebten kleinen Mädel wird, je geweint hätte, der wird nun das alles nicht so bald erleben. Zwanzig Jahre vielleicht wird er brauchen, bis Johanna ihm wieder etwas anderes sein kann als eine staubige Pedantin.

(S. 13*)

Gesegnet, wer sich nun nicht an den eigenen Deutschunterricht erinnert fühlt.

Zum Abschluß noch der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben

P.S.: Der Film ist ohne Zweifel sehenswert, setzt jedoch ganz andere Schwerpunkte und darf bestenfalls als „am Roman orientiert“ eingestuft werden, ersetzt also die Lektüre nicht. 😉

*zitiert nach: Mann, Heinrich: Professor Unrat (limitierte Sonderausgabe). Fischer Taschenbuch. Frankfurt 2007

Das Buch zum Sonntag (15)

Jack Sparrow for President (2)

In dem Vierteljahr, das seit meinem ersten Beitrag zur Piratenpartei vergangen ist, hat sich einiges getan.
Die Piraten bekamen und bekommen unglaubliche Zuwächse, die Mitgliederzahl hat die 7000 überschritten und ein Ende ist nicht abzusehen.
Bei einer solch rasanten Entwicklung sind Verwerfungen geradezu vorprogrammiert. Der jüngste Aufreger, das Interview des stellvertretenden Vorsitzenden Andreas Popp mit der „Jungen Freiheit“, war ein Anlaß, der einige noch einmal neu über die Piraten nachdenken ließ. Auch für mich. Gerade dieses Interview hat mich sehr irritiert. Und zwar nicht, weil ich die Argumente für ein solches Interview nicht nachvollziehen könnte (auch wenn ich sie nicht teile) oder weil mich das Politikverständnis der Piraten grundsätzlich irritiert, sondern weil sie hier nach ihren eigenen Maßstäben versagt haben.
Es ist ja nicht so, wie dies in den ersten Rechtfertigungsversuchen dargestellt wurde, daß man sich hier bewußt für ein Interview mit einer, nun ja, mindestens doch problematischen Zeitung entschieden habe. Daß Argumente dafür und dagegen erwogen wurden und dann eine Entscheidung fiel. Nein, man hat sich schlicht überhaupt nicht informiert. Für eine Partei, die sich so sehr das „Selbst-Denken“, das „Selbst-Informieren“, die freie Verfügbarkeit von Information auf die Fahnen geschrieben hat, ist das nicht nur blamabel. Das ist erschreckend. Denn gerade die Tatsache, daß jeder im Netz alles schreiben kann, bringt den Benutzer in eine hohe Verantwortung. Er muß die gefundenen Informationen selbst überprüfen. Das bedeutet doch aber, das die Informationsbeschaffung und Überprüfung zum Alltag gehören sollte, oder? Eine Szene, die behauptet, der Journalismus sei am Ende, weil die Redakteure es ja noch nicht einmal hinbekämen, Namen zu googeln, um zumindest ein Minimum an Überprüfung zu gewährleisten (Stichwort: Guttenberg), sollte doch wohl ein Problem damit haben, wenn einer ihrer politischen Protagonisten es nicht einmal schafft, den Namen einer Zeitung, die ihn interviewen will und die er nicht kennt, in ein Suchfenster einzugeben. Und das ist kein kleiner Schönheitsfehler. Das ist ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Denn Freiheit bedeutet auch Verantwortung. Denn Freiheit ist nicht einfach. Das ist auch der Grund, warum „unfreie“ Systeme lange existieren, bzw. sich immer wieder herstellen. Weil Freiheit eben Arbeit bedeutet. Nicht jeder aber will diese Arbeit leisten. Nicht jeder will immer alles abwägen, überprüfen, bedenken. und nicht jeder ist dazu ohne weiteres in der Lage (auch bei den Anhängern der Piraten. Ich empfehle hier mal die Kommentare bei Frau Seeligers Artikeln. Auseinandersetzung mit Gegenargumenten sieht anders aus).
Und wenn selbst die Protagonisten der im Prinzip ja wünschenswerten Informationsfreiheit im Netz sich außer Stande sehen, die notwendige Arbeit zu erbringen – wie wollen wir dann argumentativ dafür arbeiten? Wie wollen wir den Argumenten entgegen treten, daß die Menschen eben vor schlimmen Dingen zu beschützen sind?

So weit dazu.
Alles in allem aber hat den Beitrag, den ich schreiben wollte, bereits jemand anderes geschrieben. Auf diesen verweise ich hiermit dringend.

So bleibt mir zum Schluß nur, den Hausheiligen noch einmal zu zitieren:

Deutschland! hast du eine Lammsgeduld!
Läßt dir heute nach diesem allen
Frechheit von Metzgergesellen gefallen?
Lern ihre eiserne Energie!
Die vergessen nie.
Die setzen ihren verdammten Willen
durch – im lauten und im stillen
Kampf, und sie denken nur an sich.
Deutschland! wach auf und besinne dich!

Nur einen Feind hast du deines Geschlechts!
Der Feind steht rechts!

[aus: Preußische Presse. in: Werke und Briefe: 1919, S. 231-232. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 1341-1342 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 109) (c) Rowohlt Verlag]

Jack Sparrow for President (2)

Quod licet Iovi

Ausnahmsweise heute mal reinen Fremdcontent und nur knappe Formulierungen, ich bin derzeit etwas zu aufgebracht.

Wäre dieses Video in Teheran aufgenommen worden, erlebten wir heute einen weltweiten diplomatischen Aufschrei, der „lückenlose Aufklärung“ und das „zur Rechenschaft ziehen der Verantwortlichen“ fordern würde.

Gefunden habe ich es bei netzpolitik.org

Wobei ich hier deutlich sagen muß, daß ich die Bezeichnung als “unerfreulich” sehr euphemistisch finde. Unter Umständen ist die Formulierung ja eine reine Vorsichtsmaßnahme, es hat ja in letzter Zeit immer mal wieder unschöne Abmahngeschichten gegeben.
Wobei ich nicht wüßte, warum.
Denn es gab keinen Grund, zuzuschlagen. Der Mann ging eindeutig zur Seite, hat keinerlei Neigung zur Gewalt gezeigt und war nicht im Geringsten widersetzig.

Das einfach nur ein brutales Niederknüppeln. Dies als “unerfreulich” zu bezeichnen, grenzt schon an Hohn.

Ich hoffe, daß dieses Video mal ganz hohe Wellen schlägt. Man möge diesen Eintrag als bescheidenen Beitrag dazu auffassen.
Ich weiß, daß Polizisten keine leichte Aufgabe haben, ich weiß, daß bei Demonstrationen eine hohe Anspannung herrscht, ich weiß, daß es nicht leicht ist, sich permanent beschimpfen zu lassen und als Feind betrachtet zu werden. Ich weiß, daß die Jungs und Mädels unter riesigem Druck stehen und permanent auf Angriffe gefaßt sein müssen. Weiß ich alles.
Aber das ist alles kein Grund, eine solche Szene nicht einfach widerlich zu finden, eine solche Szene nicht anzuprangern. Denn auch Polizisten stehen nicht außerhalb des Gesetzes. Egal, was da die Vorgeschichte war – es gab keinen Grund für brutale Gewalt. Keinen. Der Mann hat nichts weiter getan, als der Aufforderung nachzukommen, den Platz zu räumen. Und wenn er sich vorher die Dienstnummern hat geben lassen, so macht es die Sache noch schlimmer. Aber damit schweife ich schon in den Bereich der Spekulation ab.

Ich jedenfalls erwarte eine lückenlose Aufklärung und ein konsequentes zur Rechenschaft ziehen der Verantwortlichen. Wir sind doch nicht mehr 1967.

UPDATE (15.09.09, 08:03): Wie nicht weiter überraschend, hat der Fall hohe Wellen geschlagen, es gibt inzwischen auch Videos aus anderen Perspektiven und welche, die die Vorgeschichte aufzuzeigen scheinen. Zudem ist eine heftige Debatte entbrannt, deren Positionen zwischen „Richtig so, der Typ widersetzt sich schließlich“ und „Scheiß Bullenschweine eines faschistoiden Systems“ pendeln.
Letztlich läßt sich alles auf die Ermessensfrage nach der Verhältnismäßigkeit der Gewaltanwendung beim Festnahmeversuch zurückführen (was mich erstaunt, denn mir ist vollkommen unklar, wie man zu der Überzeugung kommen könne, festhalten samt brutealem ins Gesicht schlagen könne gerechtfertigt sein…). Eine einigermaßen akzeptable und lesbare Diskussion findet sich bei Herrn Kaliban.
Wo sich auch der bedenkenswerte Punkt befindet, daß Datenschützer eigentlich für das Thema Persönlichkeitsrechte sensibilisert sein sollten und es als problematisch anzusehen ist, daß hier nicht anonymisierte Videos verbreitet werden (das Videoerstellen an sich ist weniger problematisch, da es sich ja nicht um ungezielte, pauschale Dauerüberwachung handelt, sondern um das konkrete, gezielte Aufzeichnen einer möglicherweise strafbaren Handlung).

Quod licet Iovi

Das Buch zum Sonntag (14)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray

Oscar Wilde (1854-1900) ist einer der geistreichsten Schriftsteller der Literaturgeschichte.
Seine noch heute unglaublich erfrischenden Theaterstücke (ich verweise hier einmal auf die hinreißenden Verfilmungen von „An Ideal Husband“ (1999) und „The Importance of Being Earnest“ (2002) – wer sich unter „Dandy“ nichts konkretes vorstellen kann, muß Rupert Everett in diesen beiden Filmen sehen) sind Meisterwerke des Wortwitzes, des sprühenden Esprits und der Ironie. Sie begründeten seinen zeitgenössischen Erfolg.
Da ich aber der Meinung bin, daß Theaterstücke auf die Bühne gehören, empfehle ich diese nicht zur Lektüre, sondern seinen einzigen Roman.
Erzählt wird die Geschichte des jungen, ausnehmend gutaussehenden Dorian Gray, der sich von einem befreundeten Maler porträtieren läßt. Bei der Betrachtung des Kunstwerkes überfallen ihn Gedanken an die Vergänglichkeit der eigenen Schöhnheit und lassen ihn den Wunsch verspüren, das Bild möge an seiner Stelle die Spuren des Lebens tragen, er selbst jedoch makellos schön bleiben.
Unter dem Einfluß Lord Henry Wottons, eines typischen Wildeschen Dandys, beginnt Dorian ein Leben, in dem sukzessive moralische, ethische oder sonstige Schranken überwunden werden, einzig die eigene Lust, das eigene Vergnügen gilt als Kriterium.

Der Roman ist geprägt von einer stark dialogischen Struktur (was bei einem gefeierten Dramatiker wenig wundert) und bietet so eine weitläufige Bühne für geistreiche Dialoge und Bonmots. Darüber hinaus arbeitet Wilde aber stark mit intertextuellen Bezügen (die aber glücklicherweise nicht bemerkt werden müssen, um genußvoll lesen zu können) und, auch wenn er keine Antwort anbietet, so arbeitet er sich doch an zutiefst philosophischen Fragen ab. Und: Es bleibt keineswegs durchweg heiter und unbeschwert – die Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts hat Wilde nie unberührt gelassen. 😉

Joyce meinte dazu:

Worin Dorian Grays Sünde bestand, sagt niemand und weiß auch niemand. Jeder, der sie erkennt, hat sie begangen…

Es fiel mir schwer, ein Zitat für die heutige Empfehlung zu finden und die Stelle, die ich im Kopf hatte, wollte sich partout nicht auffinden lassen (ja, diese digitalen Ausgaben haben auch Vorteile…). Entschieden habe ich mich letztlich für diesen Dialog:

„Wohin gehst Du zum Lunch?“
„Zu Tante Agatha. Ich habe mich mit Mr. Gray dort eingeladen. Er ist ihr neuester Protegé.“
„Hm, sag deiner Tante Agatha, Harry, sie soll mich mit ihren Wohltätigkeitsappellen in Ruhe lassen. Ich habe sie über. Weiß Gott, das gute Frauenzimmer glaubt, ich habe nichts zu tun als Schecks für ihre langweiligen Marotten auszustellen.“
„Abgemacht, Onkel George, ich werde es ihr sagen, aber es wird gar nichts nützen. Leute, die sich mit Wohltätigkeit abgeben, verlieren alle Menschlichkeit; das ist ihr Hauptcharakterzug.“

(S. 47 der detebe-Ausgabe)

Nun fehlt nur noch der übliche Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

und ein letztes Zitat eines Literaten zu Oscar dem Großen, dieses Mal von Jorge Luis Borges:

Nachdem ich im Laufe der Jahre Wilde gelesen und wieder gelesen habe, bich ich auf eine Tatsache aufmerksam geworden, die seine Lobredner, so scheint es, nicht einmal geahnt haben: die nachprüfbare, elementare Tatsache nämlich, daß Wilde fast immer recht hat.

Das Buch zum Sonntag (14)

Das Buch zum Sonntag (13)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden

Die Erzählungen dieses Sammelbandes erschienen ursprünglich im Zeitraum zwischen 1952 und 1963, allerdings stammt die erste vollständige Ausgabe erst aus dem Jahre 1983.
Hildesheimers (1916-1991) Arbeitsschwerpunkt lag eher bei Dramen und Hörspielen (er gilt als ein wichtiger Vertreter des Absurden Theaters), aber er schrieb neben Erzählungen und Romanen auch eine viel beachtete Mozart-Biographie. Zudem tat er sich auch mit Collagen hervor.
Kurz: Die Bandbreite des kulturellen Schaffens war ihm bestens vertraut.

Und genau da setzen die „Lieblosen Legenden“ an.
Das Personal setzt sich zusammen aus allem, was das (Schein)Bildungsbürgertum so zu bieten hat. Künstler, Literaten, Mäzene etc. Zielscheibe scheinen mir dabei vor allem all jene zu sein, die eben gerne dazugehören und klug daherreden können.

Alles aber mit feiner Ironie und durchaus einem Hang zum Bizarren. Da versinken Festgesellschaften im Meer, wird eine Eule (korrekterweise ja ein Steinkauz, aber lest selbst) nach Athen getragen, offenbart sich ein Starpianist als verhinderter Versicherungsvertreter (die Eltern waren dagegen), da werden Vorträge ohne geringste Sachkenntnis gehalten (weniger bizaar, als man glauben mag) und verwandelt sich jemand in eine Nachtigall, um endlich Ruhe vor den Menschen zu haben und Dachwohnungen ohne zugehöriges Haus gebaut.
Gerade dieses feine ironische Webnetz macht es mir schwer, eine angemessen kurze Stelle zu zitieren, schließlich möchte ich ja dem Lesegnuß, zu dem natürlich immer auch der Handlungsverlauf gehört, nicht vorgreifen.
Ich versuche es daher mit einer Stelle, die bei mir mehr als nur ein Schmunzeln hervorrief:

„Aha“, sagte Golch, wobei er mit der letzten Silbe dieses Ausrufs ein leichtes Glissando nach oben vollführte, dem ich wohl entnehmen durfte, daß er mich als Nachwuchs für die Elite der Kulturträger in Betracht zog, obleich es wohl noch manche Prüfung zu bestehen gäbe. Ich hakte sofort ein, indem ich ihn fragte, wie ihm die Ausstellung zeitgenössischer Malerei im Luxembourg gefallen habe. Golch hob die Augen, als suche er ein Wort im Raum und sagte: „Passé“ (Er gebrauchte die damals übliche englische Betonung des Wortes. Auch die Wörter „cliché“ und „pastiche“ wurden damals englisch ausgesprochen. Wie man es jetzt tut, weiß ich nicht, und es scheint mir auch nicht wichtig zu sein. Denn schließlich war in diesen Dingen die Insel der Marchesa tonangebend. Sie ist versunken und hat die Richlinien mit sich gezogen.) „Passé“, sagte er, und ich pflichtete ihm bei, hätte es – daß ich es gestehe! – auch dann getan, wenn seine Äußerung gegenteilig ausgefallen wäre, denn es war immerhin Golch, dem ich gegenüberstand.

Was für jeden Erzählungsband (also natürlich auch für diesen und jenen) gilt, gilt für diesen hier ganz besonders. Der geneigte Leser sollte der einzelnen Erzählung Zeit geben, zu wirken, ehe er die nächste beginnt. Widrigenfalls stellt sich unter umständen ein Pralinenschachtel-Effekt ein. Während die einzelne Praline höchsten Genuß verspricht, wird eine ganze Schachtel, auf einmal genossen, schnell zur Belastung.

Ich persönlich zum Beispiel pflege allerdings beispielsweise Halloren-Kugeln-Schachteln (tut mir Leid, praliniger wirds bei mir nicht) stets komplett zu verspeisen und lese sowohl Erzählungssammlungen wie auch Werkausgaben immer am Stück. Mich würde interessieren, ob es bereits Studien über diesbezügliche Zusammenhänge gibt…

Nunja,

wie üblich, hier noch die

lieferbaren Ausgaben.

Das Buch zum Sonntag (13)