Das Buch zum Sonntag (11)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Karl Marx / Friedrich Engels: Das kommunistische Manifest

In meiner bildungsbürgerlichen Arroganz verweigere ich heute einmal die Autorenvorstellung, einfach annehmend, daß die geneigte Leserschaft die beiden sehr gut einordnen kann.

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.

Bis heute einer der bekanntesten Eröffnungssätze. Und ein gerne zitierter dazu – und zwar in so ziemlich allen denkbaren Zusammenhängen. So beginnt das „Manifest der kommunistischen Partei“, erstmals erschienen im Jahr 1848. Das „Manifest“ ist eine politische Kampfschrift. Nicht selten polemisch und nicht ganz ohne leichter Neigung zum Pamphlet.
Aber: Dies alles mit einer ungewöhnlichen analytischen Schärfe und, dies bedingt die Form, einer Prägnanz, die man heute in vergleichbaren Schriften vergeblich sucht.

Warum aber das „Manifest“ heute noch lesen?
Weil es sich lohnt. Weil die Lektüre helfen kann, diese Welt (wieder) klarer zu sehen. In den alltäglichen Nebelwerfern aller Couleur geht eines gerne verloren: Diese so schreckliche Finanzkrise ist kein Unfall, keine Ausgeburt ein paar wildgewordener Spekulanten, kein Grassieren der Gier, kein Heuschreckenbefall. Diese Krise ist Bestandteil des Systems. So logisch, so klar vorherzusagen wie die nächste und wie alle vorher. Das Options- und Derivatenspiel führte auch schon vor knapp 400 Jahren zu einem wunderbaren Crash.
Was den Autoren gelingt, ist, die alltäglichen Nebelschwaden verschwinden zu lassen und klar hervortreten zu lassen, auf welcher Basis unsere Gesellschaft ruht: Auf Geld.
Hören wir mal rein:

Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt.

Ich bitte diese Stelle bei künftigen Äußerungen von Aufsichtsräten, IHK-Präsidenten und FDP-Politikern im Hinterkopf zu behalten.

Ich könnte hier pausenlos zitieren, aber dann wäre der Zweck dieses Blogbeitrages kaum noch erfüllt, daher möchte ich es bei einer Stelle belassen, die vielleicht ganz gut illustriert, daß „Globalisierung“ nur ein neues Etikett für eine schon lange bekannte Entwicklung ist:

Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.
Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.
An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.
Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.

Noch Fragen? Marx lesen!

Im Übrigen lohnt sich Marx-Lektüre auch, um sich immer wieder daran zu erinnern, daß die Vorhersage zukünftiger Ereignisse immer Hybris ist. 😉
Als Analyiker des Kapitalismus („Marktwirtschaft“ ist ein Euphemismus und wie gelegentlich angemerkt, versuche ich doch, die Dinge beim Namen zu nennen) schätze ich ihn jedoch sehr. Und im Gegensatz zum „Kapital“ liest sich das „Manifest“ doch ganz hübsch auch mal als Zwischenlektüre.

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