Velozipedäres Leiden

Radfahrer haben es nicht leicht im öffentlichen Straßenverkehr. Irgendwie stören sie alle anderen Teilnehmer nur an der ungehinderten Nutzung der Verkehrsflächen. Ich glaube sogar, schlechter angesehen sind eigentlich nur noch diese Autos mit der 25 hinten drauf.
Selbst wenn sie sich vollkommen richtig verhalten (ja, ich komme darauf noch zurück), können sie doch von Glück reden, nur mit Beschimpfungen davonzukommen.
Wers nicht glaubt, dem empfehle ich mal folgende Übungen:

Übung 1

Fahren Sie mit Ihrem Fahrrad auf der rechten Seite auf dem straßenbegleitenden Radweg. Signalisieren Sie, daß Sie nach links abzubiegen wünschen. Ordnen Sie sich nun in den fließenden Verkehr korrekt links ein, um unter Berücksichtigung des Gegenverkehrs links abbiegen zu können.
Ich empfehle dabei dringend, einen Helm zu tragen. Und es vor allem nicht eilig zu haben.
Level 2: Dieselbe Übung auf einer Straße mit Straßenbahnschienen
Level 3: Nach einiger Wartezeit inmitten der Straße naht eine Straßenbahn.

Wenn man Glück hat, möchte auch ein Automobil links abbiegen. Auf einmal sind Dinge möglich…

Übung 2

Sie fahren auf einem vom Fußweg farblich und durch Markierungen getrennten, separaten Radweg. Auf diesem spazieren sehr gemütlich, aber leider verkehrsrechtswidrig, einige Fußgänger. Der Fußweg daneben ist vollkommen leer. Klingeln Sie, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und keinen Unfall zu verursachen.
Ich empfehle dabei dringend, einen Helm zu tragen. Nahkampfwaffen sind ebenfalls empfehlenswert.

Level 2: Der Radweg ist zusätzlich durch Strauch- und Baumbewuchs vom mehr als doppelt so breiten Fußweg getrennt.
Level 3: Der Radweg ist in beide Richtungen freigegeben (logisch, er ist breit genug und vom Fußweg ja durch Bewuchs getrennt…). Ihnen kommt ein Radfahrer entgegen.

Bringt man die Ruhe auf, kann man bei dieser Übung einiges über die deutsche Schimpfkultur lernen. Besonders wenn man nebenbei erwähnt, daß man sich vollkommen im Recht befindet. Macht viel Freude.

Übung 3

Sie fahren auf einer innerstädtischen Straße. Hinter Ihnen fährt ein Auto. Vor Ihnen laufen Fußgänger, durchaus nicht in der Absicht, diese zu überqueren, sondern sie als Fußweg nutzend. Klingeln Sie.
Level 2: Hinter Ihnen fährt kein Auto.

Ich empfehle dabei dringend, die Tastensperre am Mobiltelefon ausgeschaltet zu haben. Um einen Notruf zu senden, wird keine Zeit sein, diese noch zu deaktivieren. 😉

Wünscht jemand Übungsadressen, ich teile gerne welche mit. 😉

Kurz: Wo auch immer der Radfahrer sich aufhält, jeder andere Verkehrsteilnehmer fühlt sich durch ihn belästigt. Und natürlich ist der Radfahrer immer Schuld, an allem. Egal, ob er sich nun korrekt verhält oder nicht. Eine Einbahnstraße ist für Radfahrer in Gegenrichtung freigegeben? Pech gehabt, mehr als ein paar Lackkratzer gibt das nicht. Das ist ein Radweg? Who cares? Müssense eben ma bremsen. Frechheit.

Es wäre allerdings äußerst unausgewogen, nicht zu erwähnen, daß es einen eklatant hohen Anteil von Radfahrern gibt, die sich um rein gar nichts scheren.
Es gibt diese Idioten, die meinen, sie können problemlos im Dunkeln ohne Licht fahren. Unabhängig davon, daß ich mir nicht sicher bin, ob die selbst ausreichend sehen – es geht viel mehr darum gesehen zu werden! Nur auf jemanden, der wahrgenommen wird, kann man auch reagieren. Und der Anteil unter allen Radfahrern ist erheblich.
Oder man fährt mal eben auf der falschen Straßenseite – es hat mich bereits 2 Vorderräder gekostet (und mit Nabendynamo sind die nicht mehr zum Spottpreis zu haben), daß jemand von rechts um die Ecke kam, der vorher nicht zu sehen war – weil er auf der linken Seite fuhr (und dann tatsächlich auch noch die Stirn zu haben, auf „rechts vor links“ zu bestehen, ist unglaublich – man stelle sich das mal mit Autos vor).
Oder, meine erklärten Lieblinge, erwachsene Menschen, die auf Fußwegen fahren. Und einem dann erklären, man möge ja mal bitte auf die Kinder aufpassen. Das sei ja gefährlich. Ach nee? Wirklich? Ist das vielleicht der Grund, warum Radfahrer verdammt noch mal auf die Straße gehören? Wer sich das nicht zutraut, muß eben laufen. Oder den Bus nehmen.

Naja, ehe ich mich jetzt in Rage schreibe:

Alles in allem scheint mir das Hauptproblem allerdings nicht das benutzte Verkehrsmittel zu sein, sondern eher die Menschen, die es benutzen. Ich bin ganz bestimmt niemand, der Regeln allein um der Regel willen eingehalten sehen möchte. Allerdings wünschte ich mir, gelegentlich würde immer mal wieder ins Gedächntis gerufen werden, daß hinter den meisten Regeln eine Idee steckt. Und ein derart komplexes System wie der Straßenverkehr ist darauf angewiesen, daß es Dinge gibt, auf die man sich verlassen kann. Zum Beispiel, daß wir alle rechts fahren. Und es verlangt der Respekt vor den anderen Menschen, darauf Rücksicht zu nehmen. Denn man gefährdet seltenst nur sich selbst…

Soweit die staatstragenden Worte für heute.

Einen habe ich noch:
Ist es eigentlich schon schizophren, seinem Kind auf dem Kindersitz einen Helm aufzusetzen, sich selbst aber nicht? So, als wäre das Auto, das einen umfährt nur für das Kind ein Problem, man selbst aber wird durch eine unsichtbare Macht geschützt? Oder ist es einfach nur dämlich?
Und da wir gerade dabei sind: Jeder Verkehrsteilnehmer weiß, daß alle anderen Idioten sind. Also: Setzt Helme auf. Ihr habt nur diesen einen Kopf.
Aber mit vernünftigen Argumenten kommt man da wohl nicht weit. Ich meine, wenn man mit einem Fahrrad mit einer Geschwindigkeit von knapp 100km/h enge Kurven bergab fährt und Stürze regelmäßig vorkommen, sollte doch der gesunde Menschenverstand sagen: Es gibt Helme? Prima, her damit!
Weit gefehlt. Es braucht eine Regulierung. Das ist im Übrigen eines der Grundübel: Ohne Zwang setzen sich selbst die vernünftigsten Ideen nicht durch. Was mich im Übrigen an der These des vernunftbegabten Wesens zweifeln läßt. Aber das ist ein anderes Thema.

Und, was hat der Hausheilige dazu zu sagen?

Der Deutsche fährt nicht wie andere Menschen. Er fährt, um recht zu haben. Dem Polizisten gegenüber; dem Fußgänger gegenüber, der es übrigens ebenso treibt – und vor allem dem fahrenden Nachbarn gegenüber. Rücksicht nehmen? um die entscheidende Spur nachgeben? auflockern? nett sein, weil das praktischer ist? Na, das wäre ja . . .
Es gibt bereits Frageecken in den großen Zeitungen, wo im vollen Ernst Situationen aus dem Straßenleben beschrieben werden, damit nun nachher wenigstens theoretisch die einzig ›richtige Lösung gestellt‹ werden kann – man kann das in keine andere Sprache übersetzen.
Als ob es eine solche Lösung gäbe! Als ob es nicht immer, von den paar groben Fällen abgesehen, auf die weiche Nachgiebigkeit, auf die Geschicklichkeit, auf die Geistesgegenwart ankäme, eben auf das Runde, und nicht auf das Viereckige! Aber nichts davon. Mit einer Sturheit, die geradezu von einem Kasernenhof importiert erscheint, fährt Wagen gegen Wagen, weil er das ›Vorfahrtsrecht‹ hat; brüllen sich die Leute an, statt sich entgegenzukommen – sie haben ja alle so recht!
Als Oberster kommt dann der Polizeimann dazu, und vor dem haben sie alle unrecht.
[in: Der Verkehr. Werke und Briefe: 1929, S. 694. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7181 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 307) (c) Rowohlt Verlag]

*grmpf* Na, wenn er meint…

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Velozipedäres Leiden

3 Gedanken zu “Velozipedäres Leiden

  1. Ohja. D hast sooooooooooooooo Recht. Achso, darum ging es Dir ja gar nicht.
    Trotzdem hatte ich gerade wieder meinen Lieblingsunfall mit einem Fussgänger, der gerade die Strasse überqueren wollte, weswegen er dies auch tat, ungeachtet des ROTEN Radweges, den er dafür überqueren muß. Ich denke auch jeder Autofahrer wird meine Freude über die lustige Kombination von 20 km/h und regennassen Blättern verstehen.
    In diesem Sinne: Helm! Wie Gachmuret richtig mitteilte nicht nur für die lieben Kleinen.

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  2. Ja, Fußgänger sind auch eine ganz spezielle Sorte Verkehrsteilnehmer. Mir scheint manchmal, daß die Menschen Regeln, die nicht permanent kontrolliert und deren Mißachtung sofort sanktioniert wird, einfach nicht Ernst nehmen. Das gilt natürlich auch für Radfahrer (besonders in Fußgängerzonen und an Ampeln) – aber eben massiv bei Fußgängern. Zu Fuß unterwegs, scheint den meisten irgendwie die Vorstellung abhanden gekommen zu sein, daß es gilt, Rücksicht aufeinander zu nehmen.

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  3. Velozipedäres Leiden (2)Als Fahrradfahrer hat man es nicht leicht. Von allen mißtrauisch beäugt – und anfällig für Zorneshandlungen sämtlicher anderer Verkehrsteilnehmer – ist permanent darauf bedacht, die nächste Gefahrenquelle bereits rechtzeitig zu erspähen.
    Nicht immer h…

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