Das Buch zum Sonntag (10)

Zur heute beginnenden Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

B. Traven: Das Totenschiff

B. Travens Identität gehört zu den Kuriositäten der Literaturgschichte des 20. Jahrhunderts. Sie ist nämlich nicht bekannt. Es ist gelungen, die verschiedenen Pseudonyme, die er verwendet hat, ein und derselben Person zuzuordnen und sie auf einen Urspung zurückzuführen, nämlich auf den Anarchisten Ret Marut, der von 1917-1921 in Deutschland eine politische Zeitschrift herausgab. Das Problem dabei: Das ist auch nur ein Pseudonym. Und über dessen Hintergrund herrscht keine Einigkeit. Weiterführend zu dieser Problematik sei dieser Artikel empfohlen.

„Das Totenschiff“ jedenfalls erschien 1926 und erzählt die Geschichte eines amerikanischen Seemanns (Gerard Gale), der, kurz nach dem ersten Weltkrieg, in Antwerpen sein Schiff verpaßt. Unglücklicherweise befinden sich seine sämtlichen persönlichen Gegenstände und, vor allem, seine Papiere an Bord.
Die nun folgende Odyssee eines vollkommen Entrechteten durch halb Europa ist in seiner grotesk-komischen Beschreibung der Bürokratie und der Bemühungen eines jeden Gastlandes, ihn schnellstens wieder loszuwerden höchst vergnüglich zu lesen. Das Beamteninteresse dreht sich immer wieder um ein- und dieselbe Frage:

„Was, Sie haben keine Seemannkarte?“
Diese Frage würde ich jetzt sogar verstehen, wenn man sie zu mir auf Hindostanisch sagte. Denn die Geste und der Tonfall sind so genau die gleichen, daß man sich nie irren könnte.

Hierzu sollte daran erinnert werden, daß die freie Einreise in jedes europäische Land ja bis zum ersten Weltkrieg problemlos möglich war. Erst danach wurde die Idee der Paß/Visums-Geschichte umgesetzt, deren Abschaffung heutzutage zu einigem Jubel führte.
Der Verlust der Ausweispapiere als Verlust der Identität, gekoppelt mit der Unmöglichkeit, sie aus eigener Kraft wiederherzustellen, erscheint mir als eine Metapher, die weiterhin ihre Gültigkeit hat.
Bemerkenswert fand ich bei der Lektüre, daß er seinen Protagonisten in durchaus authentischem Slang sprechen läßt, in seinen inneren Monologen ihn jedoch Gedankengänge formulieren läßt, die zu diesem Auftreten nach außen so gar nicht passen wollen.

Der Roman ist zweigeteilt. Der erste Teil beschreibt die Odyssee Gerard Gales, die in Barcelona endet, wo er seine Zeit mit Angeln verbringt, als ein Schiff auftaucht, dessen Besatzung ihn fragt, ob er Arbeit bräuchte.
Und damit beginnt Teil zwei, der dem Roman seinen Namen gibt. Nicht ohne seine Ironie gänzlich zu verlieren beschreibt Traven das Ausgeliefertsein, die Entrechtung und die unsäglichen Arbeitsbedingungen, denen die Arbeiter auf so manchem Schiff ausgesetzt waren – und die doch keine Möglichkeit hatten zu entrinnen.
Die Frage, wie viel Menschlichkeit, wie viel an Würde wir auch dem Niedrigsten noch zugestehen, die Frage, was alles im Interesse des Profites, ohne den ja, glaubt man den ach so erfolgreichen Wirtschaftslenkern, unsere Welt zusammenbrechen würde, zumutbar ist, diese Frage erscheint mir auch heute noch sehr aktuell.
Und wer bei der Lektüre denkt, solche Bedingungen gäbe es ja wohl heute nicht mehr, dem empfehle ich zum Anfang, sich über das Abwracken von Schiffen oder die Entsorgung von Elektroschrott zu informieren. Nur mal als Beispiele.

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