Trotz alledem

Freunde des Radsportes haben es bei Außenstehenden nicht leicht, ihre Begeisterung mitzuteilen. Nicht selten treffen sie auf Unverständnis, dessen Motivation sich weitgehend im Kernsatz: „Die sind doch eh alle gedopt.“ zusammenfassen läßt.
Meine Antwort darauf lautet: Ja eben. Darum ist es ja auch fairer als die meisten anderen Sportarten.

Es steht zu vermuten, daß sich diese Position der geneigten Leserschaft nicht sofort und in Gänze erschließt. Daher möchte ich hier einmal ein wenig ausführen.

Der Radsport hängt wie kaum eine andere olympische Sportart nahezu komplett von der Privatwirtschaft ab. Alle relevanten Sportler sind Profis und als solche Angestellte eines Teambesitzers. Dieser wiederum bekommt sein Geld daher, daß er zahlungskräftige Sponsoren findet, die ihm den ganzen Laden bezahlen. Der Teambesitzer kann natürlich auch selbst Teil des Sponsorenkosortiums sein.
Die Sponsoren aber sind dabei, weil sie sich Werbeeffekte erhoffen. Diese wiederum treten wirklich effektiv aber erst ein, wenn es auch Erfolge zu verbuchen gibt. Das erzeugt einen ungeheuren Druck. Die Frage, ob man im nächsten Jahr noch einen Job hat, hängt also ganz erheblich vom sportlichen Abschneiden ab. Das ist ein Punkt, der sich sehr wohl in anderen Sportarten ganz anders darstellt. Frau Friesinger hätte mit Sicherheit ein Problem, würden ihre Werbeverträge nicht verlängert. Es wäre auch fraglich, ob sie weiterhin auf hohem Niveau mitlaufen könnte, zögen sich ihre Ausrüster zurück. Aber: Sie wäre nicht arbeitslos. Als Angestellte der Bundeswehr hätte sie weiterhin ein respektables Gehalt (und das ist keineswegs zwangsläufig niedriger als das eines gewöhnlichen Helfers in einem Profiteam).
Dieses System beherrscht den Radsport nun bereits über Jahrzehnte. Seit 40 Jahren wissen Radsportler, daß gerade in ihrer Sportart Doping lebensgefährlich sein kann. Rudi Altig trug während seiner Karriere den Spitznamen „rollende Apotheke“ nicht ohne Stolz. „Kannibale“ Eddy Merckx durfte seine erste Tour trotz offensichtlichen Dopingbefundes gewinnen. 1998 flog ein ganzes Team auf (die berühmt-berüchtigte „Festina-Affäre„) und spätestens nun mußte klar werden, daß es hier nicht um Einzelfälle geht. Immerhin fuhr das Team ja nicht allen anderen auf und davon.
Ohne jetzt weiter auf Details einzugehen, läßt sich folgendes sagen:
Ein junger Radsportler steht spätestens dann, wenn der Übergang zum Radrennfahren als Beruf ansteht, vor der Frage: Mitmachen oder lieber Amateur bleiben, bzw. Hobbyfahrer werden.

Denn eines steht fest: Die dopen alle. Durch die Bank.

Ich halte es hier mit Pispers, der vorschlug, die Jungs mögen doch bitte aufs Trikot schreiben, was sie nehmen – letztlich ist es aber genau so, wie Merckx es in einem Interview zusammenfaßt: „Doping zahlt sich aus. Die Medien bekommen ihr Publikum, die Laboratorien und die chemische Industrie machen damit Profit und PR. Diejenigen, die in Doping-Kontrollen investieren, wollen ein profitables Geschäft.“
Genau deshalb bekommen Radfahrer, die alles leugnen oder bestenfalls einen individuellen Ausrutscher zugeben, sofort wieder einen Vertrag, solche, die gegen die Omerta verstoßen, werden wie Aussätzige behandelt.

Warum aber macht das den Radsport faierer als, sagen wir mal, den 100-Meter-Sprint? Ganz einfach: Alle, die im Radsport ungefähr zur selben Zeit „erwischt“ wurden, verwendeten dieselben Methoden. Es ist also naheliegend, daß alle mehr oder weniger dasselbe machen. Es ist bekannt, daß es nicht im Interesse der Veranstalter ist, daß die Jungs ernsthaft daran gehindert werden. Und so macht das denn auch keiner.

Wenn aber alle dieselben Methoden verwenden, dann entscheidet wieder ganz allein die individuelle Klasse.

Im Sprint zum Beispiel sieht das aber anders aus. Ich verweise hier nur einmal auf das höchst aufschlußreiche Interview mit Eike Emrich und dazu ergänzend ein aktuelles Artikelchen.

Kann aber auch sein, daß das alles nur die Ausreden eines friedensfahrtsozialisierten Radsportfreundes sind, der nach einer abgeklärt klingenden Begründung vor sich selbst sucht, den Fernseher wieder einzuschalten (ich habe 2007 keine Radsportübertragung geschaut – es war ein hartes Jahr).

P.S.: Gleichzeitig übrigens ist es vollkommen absurd, daß im Straßenradsport überhaupt gedopt wird – genaugenommen interessieren dort außer den Statistikfreaks und den Moderatoren, die die sehr langen Übertragungszeiten überbrücken müssen, irgendwelche Rekorde niemanden. Es geht nur darum, schneller als die anderen zu sein. Es ist für gloria aeterna schnurzpiepegal, wie schnell man auf dem Ventoux, in Alpe d´Huez oder in Paris ist. Hauptsache, man ist als Erster da. Es könnten also auch einfach alle aufhören. Womit wir beim schwierigen Teil wären. Denn es müßten wirklich alle, und zwar gleichzeitig, sein.

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Trotz alledem

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