Ein Krieg ist ein Krieg ist ein Krieg ist ein Krieg

„Nenn die Dinge immer beim richtigen Namen. Die Angst vor einem Namen steigert nur die Angst vor der Sache selbst.“*
„Krieg [ahd. „Hartnäckigkeit“], organisierter, mit Waffengewalt ausgetragener Machtkonflikt zwischen Völkerrechtssubjekten oder zwischen Bevölkerungsgruppen (Bürgerkrieg) zur gewaltsamen Durchsetzung politischer, wirtschaftlicher, ideologischer oder miliutärischer Interessen.“**
„Wir machen einen Stabilisierungseinsatz und keinen Krieg“***

Ich habe lange überlegt, wie ich dieses Thema angehe. Habe mehrere Entwürfe geschrieben, die letztlich aber alle in einen derart mäandernden Wust ausarteten, daß selbst bei einem Blog mit meinem Header eine Publikation nicht zumutbar erschien. Stattdessen lasse ich einmal Bildern und freundlicher Musik den Vortritt.

Es gibt verschiedene Aspekte, warum mir vollkommen klar ist, warum Herr Jung sich standhaft weigert, den Afghanistan-Einsatz als das zu bezeichnen, was er ist. Es widert mich nur an, wenn er gleichzeitig Respekt für die Soldaten vor Ort fordert. Respekt, den zu zollen er selbst nicht bereit ist – sonst würde er ihnen zubilligen, was sie dort erleben: Krieg. Diese ganzen gräßlichen Euphemismen sprechen allem Hohn, was dort geschieht. Es geht dort (inzwischen?) um nichts anderes mehr als: Töten und/oder getötet werden.
Aber darum geht es mir nicht wirklich, denn wie gesagt, mir ist vollkommen klar, warum er in seiner Position sich außer Stande sieht, irgend etwas anderes zu sagen.
Für eine Gesellschaft, wie im Übrigen auch für jeden Einzelnen, ist es aber schwierig, wenn Probleme nicht korrekt thematisiert werden. Man kann eine Lösung immer nur dann finden, wenn die zu lösenden Probleme beim Namen genannt werden. Macht man sich schon bei der Analyse etwas vor, kann man sich den ganzen Aufwand auch sparen, man wird eine wirksame Lösung nur per Zufall finden. Dann aber braucht es auch gar keine Analyse. Dann kann man auch von vornherein auf Trial-and-Error setzen.
Also: Auch wenn es Automechaniker geben mag, die das anders handhaben (und über diese erregen sich die Betroffenen ja auch trefflich), wenn an einem Auto etwas nicht stimmt, dann schaut der Problemlöser doch erst einmal genau nach, wo das Problem eigentlich liegt und entscheidet dann, welche Lösungsstrategie passend ist. Und nur so kann es gehen.

Übrigens kann man das bei Frau Rowling, die ich eingangs zitierte, sehr gut lernen. Die Verdummungsstrategien, die Weigerung der öffentlichen Stellen, herannahendes Unheil zu benennen und anzugehen, stattdessen die beginnenden Probleme zu leugnen – und die Folgen, die solches Verhalten zeitigen kann, das führt sie wunderbar vor.

Und zum Schluß noch ein nicht zimperlicher Kommentar des Hausheiligen, der für die folgenden klaren Worte mächtig Ärger bekommen hat. Sie sind aber nichts anderes als die Demaskierung aller Euphemismen, mit denen Soldaten mythisiert werden. Was den Menschen, die Soldat waren, nicht im mindesten hilft:

Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder. Es ist ungemein bezeichnend, daß sich neulich ein sicherlich anständig empfindender protestantischer Geistlicher gegen den Vorwurf gewehrt hat, die Soldaten Mörder genannt zu haben, denn in seinen Kreisen gilt das als Vorwurf. Und die Hetze gegen den Professor Gumbel fußt darauf, daß er einmal die Abdeckerei des Krieges »das Feld der Unehre« genannt hat. Ich weiß nicht, ob die randalierenden Studenten in Heidelberg lesen können. Wenn ja: vielleicht bemühen sie sich einmal in eine ihrer Bibliotheken und schlagen dort jene Exhortatio Benedikts XV. nach, der den Krieg »ein entehrendes Gemetzel« genannt hat und das mitten im Kriege! Die Exhortatio ist in dieser Nummer nachzulesen.

aus: Der bewachte Kriegsschauplatz. in: Werke und Briefe: 1931, S. 553. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8532f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 9, S. 253-254) (c) Rowohlt Verlag

Damit das Zitat auch stimmt, hier der Link zur Exhortatio. Allerdings wurde hier „orrenda carneficina“ (etwa: „grauenhaftes Abschlachten“) etwas mildernd als „entsetzliches Blutbad“ übersetzt. Wer des Italienischen mächtig ist, findet hier den italienischen Originaltext.

* aus: Rowling, Joanne K.: Harry Potter und der Stein der Weisen. Hamburg 1998, S. 323
** Der Brockhaus in 15 Bänden. Bd. 8 Koo-Lz. Leipzig, Mannheim. 1998
*** Verteidigungsminister Jung am 22.07.2009 zum Beginn der Offensive in Nordafghanistan

Advertisements
Ein Krieg ist ein Krieg ist ein Krieg ist ein Krieg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s