Das Buch zum Sonntag (12)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Sibylle Berg: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot.

Frau Berg wurde nach eigenen Angaben in den sechziger Jahren in Weimar geboren, verließ die DDR in den achtziger Jahren als Republikflüchtling. „Mit der DDR verbindet mich keinerlei Heimatgefühl, keine Sentimentalitäten.“, so Frau Berg selbst. Genaueres läßt sich auf ihrer wunderbaren Webpräsenz (und ich empfehle ausdrücklich: nur dort.) nachlesen.

Der heute empfohlene Roman ist ihr Debut, erschienen 1997 bei Reclam Leipzig (ja, ihr lieben Kinder, sowas gab´s mal 😦 ).
Es handelt sich um einen Episodenroman, dessen Personal mehr oder weniger eng miteinander verbunden ist oder im Laufe der Erzählung wird.
Frau Bergs Stärke liegt dabei in der Charakterisierung der Personen, in der Schilderung des Innenlebens, dem Aufzeigen der Absurdität so mancher unserer Ideale, denen wir meinen, nachjagen zu müssen.
Und ganz besonders in ihrer Formulierkunst. Die Kapitel sind sehr kurz, kaum mehr als zwei Seiten, gelegentlich sogar nur eine. Alles andere wäre aber ihrem Schreibstil auch nicht entsprechend. Frau Berg ist eine Meisterin des einen Satzes.

Ich versuchs mal, einfach zwei Sätze, aus dem Zusammenhang gerissen:

Jeden Abend das Lied des eigenen Versagens spielen zu müssen kann ja nun wirklich nicht interessant sein.

Volle Kühlschränke sind ein zwingendes Indiz für Weisheit.

Ich halte es für keinen Zufall, daß Frau Berg Inhaberin eines sehr beliebten Twitter-Accounts ist.

Übrigens deutet auf diese Kunstfertigkeit auch bereits der Titel hin, auf den ich zufällig in der Bibliographie stieß. Ich fand damals (laßt es 9 Jahre her sein), wer einen solchen Titel verwendet, hat eine Chance verdient und bestellte das gute Stück.
Frau Berg ist definitv keine Schriftstellerin für den Feuilleton-Leser, der stets hochgradig bildungsbürgerlich aufgeladene Textungetüme benötigt, bei denen der Autor sein Publikum mit gelehrten Anspielungen auf bereits Gelesenes bauchpinselt. Nein, Frau Bergs lakonische, kurze Sätze wählende Schreibweise fordert den geneigten Leser heraus, sich selbst und sein Denken, Fühlen, Sehnen und Hoffen in Beziehung zum Text zu setzen.
Kurz:
Man muß bereit sein, sich auf das Buch einzulassen. Mit einer distanzierten Leserrolle, mit der üblichen Bewertungshaltung des Lesenden dem Schreibenden gegenüber („Na, was haben Sie denn zu bieten? Erzählen Sie doch mal…“), wird man wenig Freude an Frau Berg haben.

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Trostlose Landschaft

Angeregt durch Herrn Kaliban, habe ich meine in letzter Zeit gepflegte Ignoranz den Wahlplakaten gegenüber aufgegeben und sie mir im Zuger der übermorgen stattfindenden Landtagswahl genauer angesehen.
Und ich muß sagen: Dieser Schritt hat sich nicht gelohnt. Die Wahlplakate sind ein Graus.

Ich möchte hier einfach mal vorstellen, was mir auf meinem täglichen Weg von und zur Arbeit so begegnete. Vielleicht hatte ich ja Pech mit meinem Arbeitsweg – ich weiß es nicht.
Das Ergebnis ist wirklich erschütternd. Und zwar in jeder Hinsicht.

Nunja, lassen wir die Show samt vollkommen subjektiver Anmerkungen beginnen:

Hier sehen wir, wie ganz gekonnt landespolitische Themen behandelt werden. *kopfschüttel*
Andererseits ist natürlich der lobenswerte, weil ressourcenschonende Ansatz zu loben, bei jeder Wahl dasselbe zu hängen. Wenn man eh imer nur dasselbe zu sagen hat, braucht es natürlich auch keinen krampfhaften Versuch, das jedes Mal anders darzustellen. Insofern…

Als ich dieses Plakat zum ersten Mal von Ferne sah, hielt ich es für Werbung eines dieser schrecklichen Guten-Morgen-Gute-Laune-Aufstehen-mit-Lächeln-im-Gesicht-Radioprogramme.
Erst aus der Nähe erkannte ich die tatsächliche Funktion. Wer hat eigentlich diesen Unsinn mit den „Freien Wählern“ in die Welt gesetzt? Freie Wähler sind schließlich alle. Die gemeinte Unabhängigkeit zielt doch auf die Kandidaten, nicht die Wähler. Ein Alleinstellungsmerkmal der Allianz ist das also wohl kaum…

Hier sehen wir ein ganz typisches Beispiel für die Wahlkämpfe der letzten Zeit: Es soll alles anders werden. Wie, ist schnuppe, Hauptsache anders.

Ich sehe ja ein, das Wortspiel war naheliegend und ist auch nicht schlecht – aber Form und Inhalt stimmen einfach nicht. Biss? Entscheidend ist nicht, Zähne abzubilden. Entscheidend ist, wie dies geschieht. Und einen besonders zupackenden Eindruck macht dieses Gebiß nicht. Zumindest nicht auf mich.

Zu welch später Stunde und in welcher dunklen Kaschemme wurde denn dieses Plakat genehmigt? „Die SachsenMacher“? Wenn die CDU dies nicht als Darstellung zeugungsfreudiger junger Männer gemeint hat (wovon ich ausgehe), sondern eher auf die Schröder-Qualitäten ihres Personals (oder doch des sächsischen Handwerks?) verweisen wollte, wäre eine andere Formulierung empfehlenswert gewesen. Plakate, die man erst begreift, wenn man lange drüber nachdenkt, sind schlechte Plakate. 😉

Ja, und wenn mir gar nichts mehr einfällt, dann klaue ich eben beim ADAC und der Verkehrspolizei. Was soll das? Hatten sie noch Budget übrig? Das erfüllt ja nicht mal einen Nutzen. Denn, wer dieses Plakat lesen kann, ist doch schon längst in den Laternenpfahl gerauscht, an dem es hängt.*

Ja, stimmt, es wird nach 20 Jahren Regierung wirklich mal Zeit, liebe Union. ???

Immerhin, das beste Portrait, das ich gesehen habe. Hier besteht wirklich die Möglichkeit, eine Person zu entdecken. Und nicht nur ein Abziehbild mit Schlagersängergrinsen. Aber auch hier: Sachsen grüner machen. Ja, nun…

Wir auch:

Kindchenschema und Familie. Würden die Plakate über- oder nebeneinander hängen, käme vielleicht der flüchtige Betrachter auf die Idee, daß die beiden nicht unbedingt dasselbe meinen. Tun sie aber nicht…
Btw: Das Plakat liest sich übrigens sehr gut als: „Wegen Dir müssen wir jetzt FDP wählen…“

Und weil ich grad dabei bin:

Es soll Leute geben, für die stellt sich die Frage, ob sich Arbeit lohnt, vollkommen unabhängig vom Steuersatz. Da sind ganz andere Sätze interessant. Aber zum Glück macht die FDP ja keine Klientelpolitik… 😉

Bilder Upload

Als ob es die SPD nicht schon schwer genug hätte. Jetzt klauen die Möchte-Gern-Nazis von den Republikanern ihnen auch noch die Ideen. Übrigens: Meinen die 4 Millionen Arbeitsplätze jetzt nur in Sachsen oder bleiben die Plakate gleich hängen?

Sehr puristisch. Und dafür eine zu kleine Type gewählt. Wer nur auf Text setzt, muß diesem auch Gelegenheit zur Wirkung geben.

Intelligentes Plakat, macht aber nur Sinn, wenn man in Ruhe davor stehen kann (um zum Beispiel die Anspielung auf Orwell zu bemerken). Und ob die Gestaltung ausreicht, um dies zu bewirken…

Und die Piraten noch einmal. Das Plakat finde ich gelungen, habe dann aber doch mal eine inhaltliche Anmerkung. Die Gedanken sind ohne Zweifel frei – das bedeutet aber eben auch, frei verkäuflich. Die Piraten planen da derzeit eher eine Art Enteignung
Und, damit leite ich dann gleich mal zum nächsten Beispiel über, der Farbode gerät derzeit sehr durcheinander. Ein Plakat in schwarz-orange ist also nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, von der CDU, sondern von den Piraten,

dafür wirken ein CDU- und ein SPD-Plakat übereinander wie ein rot-grünes Projekt und

schwarz-grün wirbt nur für die Union

.

Der Hintergrund für die Farbwahl ist klar, die sächsischen Landesfarben sind nunmal grün/weiß – aber ob der vorbeifahrende Autofahrer die Kombination aus dem Wahlslogan „Damit ihre Zukunft Sachsen heißt“, der grünen Signalfarbe und dem SPD-Rot tatsächlich zu „Oh, die Union ist schon eine feine Truppe, die wähle ich mal“ zusammenreimt – na, ich weiß nicht.

Und weil wir schon über intelligente Plakate sprachen:

Sehr schön der Bezug auf den CDU-Slogan „Wissen, wo´s langgeht“. Zum Glück funktioniert das Plakat aber auch ohne dieses Hintergrundwissen, die CDU schreibt den ja nun nicht gerade sehr groß auf ihre Plakate. 😉

Schlußbemerkung:

Ich wollte eigentlich noch was zu den, leider, geschickt gemachten Plakaten der Nazis von der NPD schreiben, aber die waren verschwunden, als ich mit dem Fotoknips da war. Daher soll an dieser Stelle ein Link genügen: http://www.zeit.de/online/2009/36/npd-wahlkampf-strategie

Und die Plakate der Linken bestanden nur aus Veranstaltungshinweisen, wann denn die Genossen Lothar und Gregor zu sicher aufrüttelnden Reden in die Stadt kommen…

Alles in allem bleibt die Erkenntnis: Mehr als „Ich will aber der Bestimmer sein.“ kommt bei den allermeisten Plakaten nicht herüber. Warum gerade die und nicht die anderen, bleibt nahezu im Dunkeln. Was natürlich damit zusammenhängen könnte, daß es auch gar keine Gründe gäbe. So weit will ich aber (noch) nicht gehen.
Ich wünschte mir jedenfalls, es würden die Plakate mit etwas mehr Gedanken gestaltet, wenigstens mit dem Versuch, eine klare Aussage zu transportieren. Und zwar eine die über „Wir sind toll, die anderen stinken.“ hinausgeht. Ich bin sogar fest davon überzeugt, daß die Plakate sehr viel spannender wären, wenn tatsächlich versucht würde, Inhalte zu transportieren. Für etwas Konkretes zu werben, fördert die Kreativität nämlich viel mehr, als für etwas Diffuses, kaum zu Definierendes. Die Piraten zeigen das, das Grünenplakat zur Überwachung zeigt das und auf ihre ganz spezielle Art zeigen das auch die Fundamentalisten von der PBC.

Und zum Abschluß noch ein paar aufmunternde Worte des Hausheiligen:

Denn winsch ick Sie ooch ne vajniechte Wahl! Halten Sie die Fahne hoch! Hie alleweje! Un ick wer Sie mal wat sahrn: Uffjelöst wern wa doch . . . rejiert wern wa doch . . .
Die Wahl is der Rummelplatz des kleinen Mannes!Det sacht Ihn ein Mann, der det Lehm kennt! Jute Nacht -!

[in: Ein älterer, aber leicht besoffener Herr. Werke und Briefe: 1930, S. 478. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7677 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 8, S. 215) (c) Rowohlt Verlag]

P.S.: Fast vergessen, die PBC kann auch Waschmittelwerbung…

… oder so ähnlich.

*Hängt wohl mit dieser Spitzenaktion zusammen: http://bit.ly/IAzV5 – ich nehme an, die Pressevertreter haben es sich nicht nehmen lassen, beim Plakatieren dabeizusein. Ist ja auch ein Ereignis. Unsinn sind die Plakate trotzdem, so, wie sie aussehen.

Das Buch zum Sonntag (11)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Karl Marx / Friedrich Engels: Das kommunistische Manifest

In meiner bildungsbürgerlichen Arroganz verweigere ich heute einmal die Autorenvorstellung, einfach annehmend, daß die geneigte Leserschaft die beiden sehr gut einordnen kann.

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.

Bis heute einer der bekanntesten Eröffnungssätze. Und ein gerne zitierter dazu – und zwar in so ziemlich allen denkbaren Zusammenhängen. So beginnt das „Manifest der kommunistischen Partei“, erstmals erschienen im Jahr 1848. Das „Manifest“ ist eine politische Kampfschrift. Nicht selten polemisch und nicht ganz ohne leichter Neigung zum Pamphlet.
Aber: Dies alles mit einer ungewöhnlichen analytischen Schärfe und, dies bedingt die Form, einer Prägnanz, die man heute in vergleichbaren Schriften vergeblich sucht.

Warum aber das „Manifest“ heute noch lesen?
Weil es sich lohnt. Weil die Lektüre helfen kann, diese Welt (wieder) klarer zu sehen. In den alltäglichen Nebelwerfern aller Couleur geht eines gerne verloren: Diese so schreckliche Finanzkrise ist kein Unfall, keine Ausgeburt ein paar wildgewordener Spekulanten, kein Grassieren der Gier, kein Heuschreckenbefall. Diese Krise ist Bestandteil des Systems. So logisch, so klar vorherzusagen wie die nächste und wie alle vorher. Das Options- und Derivatenspiel führte auch schon vor knapp 400 Jahren zu einem wunderbaren Crash.
Was den Autoren gelingt, ist, die alltäglichen Nebelschwaden verschwinden zu lassen und klar hervortreten zu lassen, auf welcher Basis unsere Gesellschaft ruht: Auf Geld.
Hören wir mal rein:

Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt.

Ich bitte diese Stelle bei künftigen Äußerungen von Aufsichtsräten, IHK-Präsidenten und FDP-Politikern im Hinterkopf zu behalten.

Ich könnte hier pausenlos zitieren, aber dann wäre der Zweck dieses Blogbeitrages kaum noch erfüllt, daher möchte ich es bei einer Stelle belassen, die vielleicht ganz gut illustriert, daß „Globalisierung“ nur ein neues Etikett für eine schon lange bekannte Entwicklung ist:

Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.
Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.
An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.
Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.

Noch Fragen? Marx lesen!

Im Übrigen lohnt sich Marx-Lektüre auch, um sich immer wieder daran zu erinnern, daß die Vorhersage zukünftiger Ereignisse immer Hybris ist. 😉
Als Analyiker des Kapitalismus („Marktwirtschaft“ ist ein Euphemismus und wie gelegentlich angemerkt, versuche ich doch, die Dinge beim Namen zu nennen) schätze ich ihn jedoch sehr. Und im Gegensatz zum „Kapital“ liest sich das „Manifest“ doch ganz hübsch auch mal als Zwischenlektüre.

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Velozipedäres Leiden

Radfahrer haben es nicht leicht im öffentlichen Straßenverkehr. Irgendwie stören sie alle anderen Teilnehmer nur an der ungehinderten Nutzung der Verkehrsflächen. Ich glaube sogar, schlechter angesehen sind eigentlich nur noch diese Autos mit der 25 hinten drauf.
Selbst wenn sie sich vollkommen richtig verhalten (ja, ich komme darauf noch zurück), können sie doch von Glück reden, nur mit Beschimpfungen davonzukommen.
Wers nicht glaubt, dem empfehle ich mal folgende Übungen:

Übung 1

Fahren Sie mit Ihrem Fahrrad auf der rechten Seite auf dem straßenbegleitenden Radweg. Signalisieren Sie, daß Sie nach links abzubiegen wünschen. Ordnen Sie sich nun in den fließenden Verkehr korrekt links ein, um unter Berücksichtigung des Gegenverkehrs links abbiegen zu können.
Ich empfehle dabei dringend, einen Helm zu tragen. Und es vor allem nicht eilig zu haben.
Level 2: Dieselbe Übung auf einer Straße mit Straßenbahnschienen
Level 3: Nach einiger Wartezeit inmitten der Straße naht eine Straßenbahn.

Wenn man Glück hat, möchte auch ein Automobil links abbiegen. Auf einmal sind Dinge möglich…

Übung 2

Sie fahren auf einem vom Fußweg farblich und durch Markierungen getrennten, separaten Radweg. Auf diesem spazieren sehr gemütlich, aber leider verkehrsrechtswidrig, einige Fußgänger. Der Fußweg daneben ist vollkommen leer. Klingeln Sie, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und keinen Unfall zu verursachen.
Ich empfehle dabei dringend, einen Helm zu tragen. Nahkampfwaffen sind ebenfalls empfehlenswert.

Level 2: Der Radweg ist zusätzlich durch Strauch- und Baumbewuchs vom mehr als doppelt so breiten Fußweg getrennt.
Level 3: Der Radweg ist in beide Richtungen freigegeben (logisch, er ist breit genug und vom Fußweg ja durch Bewuchs getrennt…). Ihnen kommt ein Radfahrer entgegen.

Bringt man die Ruhe auf, kann man bei dieser Übung einiges über die deutsche Schimpfkultur lernen. Besonders wenn man nebenbei erwähnt, daß man sich vollkommen im Recht befindet. Macht viel Freude.

Übung 3

Sie fahren auf einer innerstädtischen Straße. Hinter Ihnen fährt ein Auto. Vor Ihnen laufen Fußgänger, durchaus nicht in der Absicht, diese zu überqueren, sondern sie als Fußweg nutzend. Klingeln Sie.
Level 2: Hinter Ihnen fährt kein Auto.

Ich empfehle dabei dringend, die Tastensperre am Mobiltelefon ausgeschaltet zu haben. Um einen Notruf zu senden, wird keine Zeit sein, diese noch zu deaktivieren. 😉

Wünscht jemand Übungsadressen, ich teile gerne welche mit. 😉

Kurz: Wo auch immer der Radfahrer sich aufhält, jeder andere Verkehrsteilnehmer fühlt sich durch ihn belästigt. Und natürlich ist der Radfahrer immer Schuld, an allem. Egal, ob er sich nun korrekt verhält oder nicht. Eine Einbahnstraße ist für Radfahrer in Gegenrichtung freigegeben? Pech gehabt, mehr als ein paar Lackkratzer gibt das nicht. Das ist ein Radweg? Who cares? Müssense eben ma bremsen. Frechheit.

Es wäre allerdings äußerst unausgewogen, nicht zu erwähnen, daß es einen eklatant hohen Anteil von Radfahrern gibt, die sich um rein gar nichts scheren.
Es gibt diese Idioten, die meinen, sie können problemlos im Dunkeln ohne Licht fahren. Unabhängig davon, daß ich mir nicht sicher bin, ob die selbst ausreichend sehen – es geht viel mehr darum gesehen zu werden! Nur auf jemanden, der wahrgenommen wird, kann man auch reagieren. Und der Anteil unter allen Radfahrern ist erheblich.
Oder man fährt mal eben auf der falschen Straßenseite – es hat mich bereits 2 Vorderräder gekostet (und mit Nabendynamo sind die nicht mehr zum Spottpreis zu haben), daß jemand von rechts um die Ecke kam, der vorher nicht zu sehen war – weil er auf der linken Seite fuhr (und dann tatsächlich auch noch die Stirn zu haben, auf „rechts vor links“ zu bestehen, ist unglaublich – man stelle sich das mal mit Autos vor).
Oder, meine erklärten Lieblinge, erwachsene Menschen, die auf Fußwegen fahren. Und einem dann erklären, man möge ja mal bitte auf die Kinder aufpassen. Das sei ja gefährlich. Ach nee? Wirklich? Ist das vielleicht der Grund, warum Radfahrer verdammt noch mal auf die Straße gehören? Wer sich das nicht zutraut, muß eben laufen. Oder den Bus nehmen.

Naja, ehe ich mich jetzt in Rage schreibe:

Alles in allem scheint mir das Hauptproblem allerdings nicht das benutzte Verkehrsmittel zu sein, sondern eher die Menschen, die es benutzen. Ich bin ganz bestimmt niemand, der Regeln allein um der Regel willen eingehalten sehen möchte. Allerdings wünschte ich mir, gelegentlich würde immer mal wieder ins Gedächntis gerufen werden, daß hinter den meisten Regeln eine Idee steckt. Und ein derart komplexes System wie der Straßenverkehr ist darauf angewiesen, daß es Dinge gibt, auf die man sich verlassen kann. Zum Beispiel, daß wir alle rechts fahren. Und es verlangt der Respekt vor den anderen Menschen, darauf Rücksicht zu nehmen. Denn man gefährdet seltenst nur sich selbst…

Soweit die staatstragenden Worte für heute.

Einen habe ich noch:
Ist es eigentlich schon schizophren, seinem Kind auf dem Kindersitz einen Helm aufzusetzen, sich selbst aber nicht? So, als wäre das Auto, das einen umfährt nur für das Kind ein Problem, man selbst aber wird durch eine unsichtbare Macht geschützt? Oder ist es einfach nur dämlich?
Und da wir gerade dabei sind: Jeder Verkehrsteilnehmer weiß, daß alle anderen Idioten sind. Also: Setzt Helme auf. Ihr habt nur diesen einen Kopf.
Aber mit vernünftigen Argumenten kommt man da wohl nicht weit. Ich meine, wenn man mit einem Fahrrad mit einer Geschwindigkeit von knapp 100km/h enge Kurven bergab fährt und Stürze regelmäßig vorkommen, sollte doch der gesunde Menschenverstand sagen: Es gibt Helme? Prima, her damit!
Weit gefehlt. Es braucht eine Regulierung. Das ist im Übrigen eines der Grundübel: Ohne Zwang setzen sich selbst die vernünftigsten Ideen nicht durch. Was mich im Übrigen an der These des vernunftbegabten Wesens zweifeln läßt. Aber das ist ein anderes Thema.

Und, was hat der Hausheilige dazu zu sagen?

Der Deutsche fährt nicht wie andere Menschen. Er fährt, um recht zu haben. Dem Polizisten gegenüber; dem Fußgänger gegenüber, der es übrigens ebenso treibt – und vor allem dem fahrenden Nachbarn gegenüber. Rücksicht nehmen? um die entscheidende Spur nachgeben? auflockern? nett sein, weil das praktischer ist? Na, das wäre ja . . .
Es gibt bereits Frageecken in den großen Zeitungen, wo im vollen Ernst Situationen aus dem Straßenleben beschrieben werden, damit nun nachher wenigstens theoretisch die einzig ›richtige Lösung gestellt‹ werden kann – man kann das in keine andere Sprache übersetzen.
Als ob es eine solche Lösung gäbe! Als ob es nicht immer, von den paar groben Fällen abgesehen, auf die weiche Nachgiebigkeit, auf die Geschicklichkeit, auf die Geistesgegenwart ankäme, eben auf das Runde, und nicht auf das Viereckige! Aber nichts davon. Mit einer Sturheit, die geradezu von einem Kasernenhof importiert erscheint, fährt Wagen gegen Wagen, weil er das ›Vorfahrtsrecht‹ hat; brüllen sich die Leute an, statt sich entgegenzukommen – sie haben ja alle so recht!
Als Oberster kommt dann der Polizeimann dazu, und vor dem haben sie alle unrecht.
[in: Der Verkehr. Werke und Briefe: 1929, S. 694. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7181 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 307) (c) Rowohlt Verlag]

*grmpf* Na, wenn er meint…

Das Buch zum Sonntag (10)

Zur heute beginnenden Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

B. Traven: Das Totenschiff

B. Travens Identität gehört zu den Kuriositäten der Literaturgschichte des 20. Jahrhunderts. Sie ist nämlich nicht bekannt. Es ist gelungen, die verschiedenen Pseudonyme, die er verwendet hat, ein und derselben Person zuzuordnen und sie auf einen Urspung zurückzuführen, nämlich auf den Anarchisten Ret Marut, der von 1917-1921 in Deutschland eine politische Zeitschrift herausgab. Das Problem dabei: Das ist auch nur ein Pseudonym. Und über dessen Hintergrund herrscht keine Einigkeit. Weiterführend zu dieser Problematik sei dieser Artikel empfohlen.

„Das Totenschiff“ jedenfalls erschien 1926 und erzählt die Geschichte eines amerikanischen Seemanns (Gerard Gale), der, kurz nach dem ersten Weltkrieg, in Antwerpen sein Schiff verpaßt. Unglücklicherweise befinden sich seine sämtlichen persönlichen Gegenstände und, vor allem, seine Papiere an Bord.
Die nun folgende Odyssee eines vollkommen Entrechteten durch halb Europa ist in seiner grotesk-komischen Beschreibung der Bürokratie und der Bemühungen eines jeden Gastlandes, ihn schnellstens wieder loszuwerden höchst vergnüglich zu lesen. Das Beamteninteresse dreht sich immer wieder um ein- und dieselbe Frage:

„Was, Sie haben keine Seemannkarte?“
Diese Frage würde ich jetzt sogar verstehen, wenn man sie zu mir auf Hindostanisch sagte. Denn die Geste und der Tonfall sind so genau die gleichen, daß man sich nie irren könnte.

Hierzu sollte daran erinnert werden, daß die freie Einreise in jedes europäische Land ja bis zum ersten Weltkrieg problemlos möglich war. Erst danach wurde die Idee der Paß/Visums-Geschichte umgesetzt, deren Abschaffung heutzutage zu einigem Jubel führte.
Der Verlust der Ausweispapiere als Verlust der Identität, gekoppelt mit der Unmöglichkeit, sie aus eigener Kraft wiederherzustellen, erscheint mir als eine Metapher, die weiterhin ihre Gültigkeit hat.
Bemerkenswert fand ich bei der Lektüre, daß er seinen Protagonisten in durchaus authentischem Slang sprechen läßt, in seinen inneren Monologen ihn jedoch Gedankengänge formulieren läßt, die zu diesem Auftreten nach außen so gar nicht passen wollen.

Der Roman ist zweigeteilt. Der erste Teil beschreibt die Odyssee Gerard Gales, die in Barcelona endet, wo er seine Zeit mit Angeln verbringt, als ein Schiff auftaucht, dessen Besatzung ihn fragt, ob er Arbeit bräuchte.
Und damit beginnt Teil zwei, der dem Roman seinen Namen gibt. Nicht ohne seine Ironie gänzlich zu verlieren beschreibt Traven das Ausgeliefertsein, die Entrechtung und die unsäglichen Arbeitsbedingungen, denen die Arbeiter auf so manchem Schiff ausgesetzt waren – und die doch keine Möglichkeit hatten zu entrinnen.
Die Frage, wie viel Menschlichkeit, wie viel an Würde wir auch dem Niedrigsten noch zugestehen, die Frage, was alles im Interesse des Profites, ohne den ja, glaubt man den ach so erfolgreichen Wirtschaftslenkern, unsere Welt zusammenbrechen würde, zumutbar ist, diese Frage erscheint mir auch heute noch sehr aktuell.
Und wer bei der Lektüre denkt, solche Bedingungen gäbe es ja wohl heute nicht mehr, dem empfehle ich zum Anfang, sich über das Abwracken von Schiffen oder die Entsorgung von Elektroschrott zu informieren. Nur mal als Beispiele.

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Trotz alledem

Freunde des Radsportes haben es bei Außenstehenden nicht leicht, ihre Begeisterung mitzuteilen. Nicht selten treffen sie auf Unverständnis, dessen Motivation sich weitgehend im Kernsatz: „Die sind doch eh alle gedopt.“ zusammenfassen läßt.
Meine Antwort darauf lautet: Ja eben. Darum ist es ja auch fairer als die meisten anderen Sportarten.

Es steht zu vermuten, daß sich diese Position der geneigten Leserschaft nicht sofort und in Gänze erschließt. Daher möchte ich hier einmal ein wenig ausführen.

Der Radsport hängt wie kaum eine andere olympische Sportart nahezu komplett von der Privatwirtschaft ab. Alle relevanten Sportler sind Profis und als solche Angestellte eines Teambesitzers. Dieser wiederum bekommt sein Geld daher, daß er zahlungskräftige Sponsoren findet, die ihm den ganzen Laden bezahlen. Der Teambesitzer kann natürlich auch selbst Teil des Sponsorenkosortiums sein.
Die Sponsoren aber sind dabei, weil sie sich Werbeeffekte erhoffen. Diese wiederum treten wirklich effektiv aber erst ein, wenn es auch Erfolge zu verbuchen gibt. Das erzeugt einen ungeheuren Druck. Die Frage, ob man im nächsten Jahr noch einen Job hat, hängt also ganz erheblich vom sportlichen Abschneiden ab. Das ist ein Punkt, der sich sehr wohl in anderen Sportarten ganz anders darstellt. Frau Friesinger hätte mit Sicherheit ein Problem, würden ihre Werbeverträge nicht verlängert. Es wäre auch fraglich, ob sie weiterhin auf hohem Niveau mitlaufen könnte, zögen sich ihre Ausrüster zurück. Aber: Sie wäre nicht arbeitslos. Als Angestellte der Bundeswehr hätte sie weiterhin ein respektables Gehalt (und das ist keineswegs zwangsläufig niedriger als das eines gewöhnlichen Helfers in einem Profiteam).
Dieses System beherrscht den Radsport nun bereits über Jahrzehnte. Seit 40 Jahren wissen Radsportler, daß gerade in ihrer Sportart Doping lebensgefährlich sein kann. Rudi Altig trug während seiner Karriere den Spitznamen „rollende Apotheke“ nicht ohne Stolz. „Kannibale“ Eddy Merckx durfte seine erste Tour trotz offensichtlichen Dopingbefundes gewinnen. 1998 flog ein ganzes Team auf (die berühmt-berüchtigte „Festina-Affäre„) und spätestens nun mußte klar werden, daß es hier nicht um Einzelfälle geht. Immerhin fuhr das Team ja nicht allen anderen auf und davon.
Ohne jetzt weiter auf Details einzugehen, läßt sich folgendes sagen:
Ein junger Radsportler steht spätestens dann, wenn der Übergang zum Radrennfahren als Beruf ansteht, vor der Frage: Mitmachen oder lieber Amateur bleiben, bzw. Hobbyfahrer werden.

Denn eines steht fest: Die dopen alle. Durch die Bank.

Ich halte es hier mit Pispers, der vorschlug, die Jungs mögen doch bitte aufs Trikot schreiben, was sie nehmen – letztlich ist es aber genau so, wie Merckx es in einem Interview zusammenfaßt: „Doping zahlt sich aus. Die Medien bekommen ihr Publikum, die Laboratorien und die chemische Industrie machen damit Profit und PR. Diejenigen, die in Doping-Kontrollen investieren, wollen ein profitables Geschäft.“
Genau deshalb bekommen Radfahrer, die alles leugnen oder bestenfalls einen individuellen Ausrutscher zugeben, sofort wieder einen Vertrag, solche, die gegen die Omerta verstoßen, werden wie Aussätzige behandelt.

Warum aber macht das den Radsport faierer als, sagen wir mal, den 100-Meter-Sprint? Ganz einfach: Alle, die im Radsport ungefähr zur selben Zeit „erwischt“ wurden, verwendeten dieselben Methoden. Es ist also naheliegend, daß alle mehr oder weniger dasselbe machen. Es ist bekannt, daß es nicht im Interesse der Veranstalter ist, daß die Jungs ernsthaft daran gehindert werden. Und so macht das denn auch keiner.

Wenn aber alle dieselben Methoden verwenden, dann entscheidet wieder ganz allein die individuelle Klasse.

Im Sprint zum Beispiel sieht das aber anders aus. Ich verweise hier nur einmal auf das höchst aufschlußreiche Interview mit Eike Emrich und dazu ergänzend ein aktuelles Artikelchen.

Kann aber auch sein, daß das alles nur die Ausreden eines friedensfahrtsozialisierten Radsportfreundes sind, der nach einer abgeklärt klingenden Begründung vor sich selbst sucht, den Fernseher wieder einzuschalten (ich habe 2007 keine Radsportübertragung geschaut – es war ein hartes Jahr).

P.S.: Gleichzeitig übrigens ist es vollkommen absurd, daß im Straßenradsport überhaupt gedopt wird – genaugenommen interessieren dort außer den Statistikfreaks und den Moderatoren, die die sehr langen Übertragungszeiten überbrücken müssen, irgendwelche Rekorde niemanden. Es geht nur darum, schneller als die anderen zu sein. Es ist für gloria aeterna schnurzpiepegal, wie schnell man auf dem Ventoux, in Alpe d´Huez oder in Paris ist. Hauptsache, man ist als Erster da. Es könnten also auch einfach alle aufhören. Womit wir beim schwierigen Teil wären. Denn es müßten wirklich alle, und zwar gleichzeitig, sein.

Das Buch zum Sonntag (9)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich heute der geneigten Leserschaft:

Judith Hermann: Nichts als Gespenster.

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich mich öffentlich dazu bekenne, gerne Frau Hermanns Erzählungen zu lesen, mich aber, wie ja offensichtlich ist, nun aber dazu entschieden. Es ist ja auch ungesund, Teile seiner Persönlichkeit zu verleugnen. 😉

Gut, nun aber zum Buch.
Frau Hermann, geb. 1970, wurde in der deutschen Literaturszene schlagartig bekannt mit ihrem Debut, dem Erzählungsband „Sommerhaus, später“ (1998), dessen Erfolg eine wahre Flut an jungen Schriftstellerinnen auf den Markt spülte, von denen sich aber nur wenige etablieren konnten (die Spanne reicht da von Jenny Erpenbeck über Juli Zeh und Franziska Gerstenberg bis zu Julia Franck).
Ihre Protagonisten scheinen alle um die dreißig zu sein, sind weitgehend der existentiellen finanziellen Sorgen ledig – und auf der Suche nach dem für sie passenden Lebensentwurf, Partnerwahl inklusive. So weit, so GZSZ.
Was die Erzählungen, von denen jede eine andere Variante durchspielt, aber lesenwert macht, sind zum einen ihre sehr diffizilen, glaubwürdigen Personen. Und zum anderen der unaufgeregte, lakonische und doch athmosphärische Stil. Es gelingt ihr hervorragend, den geneigten Leser, die geneigte Leserin in ihre Geschichten, in ihre Welt zu ziehen. Schon nach wenigen Sätzen fühlt sich die Umgebung genauso an, wie es der Geschichte entspricht. Ob nun in einem Geisterhaus irgendwo in den USA oder in einer Hütte mitten in Island. Man ist ebenso da. Und das gerne auch mal ohne daß nur ein Wort zur Landschaft gesagt wurde.

Kurz:
Ich finde das Buch einfach schön.

lieferbare Ausgaben.

Ein Krieg ist ein Krieg ist ein Krieg ist ein Krieg

„Nenn die Dinge immer beim richtigen Namen. Die Angst vor einem Namen steigert nur die Angst vor der Sache selbst.“*
„Krieg [ahd. „Hartnäckigkeit“], organisierter, mit Waffengewalt ausgetragener Machtkonflikt zwischen Völkerrechtssubjekten oder zwischen Bevölkerungsgruppen (Bürgerkrieg) zur gewaltsamen Durchsetzung politischer, wirtschaftlicher, ideologischer oder miliutärischer Interessen.“**
„Wir machen einen Stabilisierungseinsatz und keinen Krieg“***

Ich habe lange überlegt, wie ich dieses Thema angehe. Habe mehrere Entwürfe geschrieben, die letztlich aber alle in einen derart mäandernden Wust ausarteten, daß selbst bei einem Blog mit meinem Header eine Publikation nicht zumutbar erschien. Stattdessen lasse ich einmal Bildern und freundlicher Musik den Vortritt.

Es gibt verschiedene Aspekte, warum mir vollkommen klar ist, warum Herr Jung sich standhaft weigert, den Afghanistan-Einsatz als das zu bezeichnen, was er ist. Es widert mich nur an, wenn er gleichzeitig Respekt für die Soldaten vor Ort fordert. Respekt, den zu zollen er selbst nicht bereit ist – sonst würde er ihnen zubilligen, was sie dort erleben: Krieg. Diese ganzen gräßlichen Euphemismen sprechen allem Hohn, was dort geschieht. Es geht dort (inzwischen?) um nichts anderes mehr als: Töten und/oder getötet werden.
Aber darum geht es mir nicht wirklich, denn wie gesagt, mir ist vollkommen klar, warum er in seiner Position sich außer Stande sieht, irgend etwas anderes zu sagen.
Für eine Gesellschaft, wie im Übrigen auch für jeden Einzelnen, ist es aber schwierig, wenn Probleme nicht korrekt thematisiert werden. Man kann eine Lösung immer nur dann finden, wenn die zu lösenden Probleme beim Namen genannt werden. Macht man sich schon bei der Analyse etwas vor, kann man sich den ganzen Aufwand auch sparen, man wird eine wirksame Lösung nur per Zufall finden. Dann aber braucht es auch gar keine Analyse. Dann kann man auch von vornherein auf Trial-and-Error setzen.
Also: Auch wenn es Automechaniker geben mag, die das anders handhaben (und über diese erregen sich die Betroffenen ja auch trefflich), wenn an einem Auto etwas nicht stimmt, dann schaut der Problemlöser doch erst einmal genau nach, wo das Problem eigentlich liegt und entscheidet dann, welche Lösungsstrategie passend ist. Und nur so kann es gehen.

Übrigens kann man das bei Frau Rowling, die ich eingangs zitierte, sehr gut lernen. Die Verdummungsstrategien, die Weigerung der öffentlichen Stellen, herannahendes Unheil zu benennen und anzugehen, stattdessen die beginnenden Probleme zu leugnen – und die Folgen, die solches Verhalten zeitigen kann, das führt sie wunderbar vor.

Und zum Schluß noch ein nicht zimperlicher Kommentar des Hausheiligen, der für die folgenden klaren Worte mächtig Ärger bekommen hat. Sie sind aber nichts anderes als die Demaskierung aller Euphemismen, mit denen Soldaten mythisiert werden. Was den Menschen, die Soldat waren, nicht im mindesten hilft:

Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder. Es ist ungemein bezeichnend, daß sich neulich ein sicherlich anständig empfindender protestantischer Geistlicher gegen den Vorwurf gewehrt hat, die Soldaten Mörder genannt zu haben, denn in seinen Kreisen gilt das als Vorwurf. Und die Hetze gegen den Professor Gumbel fußt darauf, daß er einmal die Abdeckerei des Krieges »das Feld der Unehre« genannt hat. Ich weiß nicht, ob die randalierenden Studenten in Heidelberg lesen können. Wenn ja: vielleicht bemühen sie sich einmal in eine ihrer Bibliotheken und schlagen dort jene Exhortatio Benedikts XV. nach, der den Krieg »ein entehrendes Gemetzel« genannt hat und das mitten im Kriege! Die Exhortatio ist in dieser Nummer nachzulesen.

aus: Der bewachte Kriegsschauplatz. in: Werke und Briefe: 1931, S. 553. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8532f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 9, S. 253-254) (c) Rowohlt Verlag

Damit das Zitat auch stimmt, hier der Link zur Exhortatio. Allerdings wurde hier „orrenda carneficina“ (etwa: „grauenhaftes Abschlachten“) etwas mildernd als „entsetzliches Blutbad“ übersetzt. Wer des Italienischen mächtig ist, findet hier den italienischen Originaltext.

* aus: Rowling, Joanne K.: Harry Potter und der Stein der Weisen. Hamburg 1998, S. 323
** Der Brockhaus in 15 Bänden. Bd. 8 Koo-Lz. Leipzig, Mannheim. 1998
*** Verteidigungsminister Jung am 22.07.2009 zum Beginn der Offensive in Nordafghanistan

Das Buch zum Sonntag (8)

Ich empfehle der geneigten Leserschaft für die heute beginnende Woche zur Lektüre:

Franz Schuh: Memoiren

Franz Schuh, geboren 1947, ist Lehrbeauftragter an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, einem breiteren Publikum aber wohl eher bekannt mit seinen Arbeiten als Essayist (etwa in der Zeit). Auf ihn aufmerksam geworden bin ich 2006, als er den Preis der Leipziger Buchmesse für Sachbuch und Essayistik erhielt (der so bedachte Sammelband unklaren Genres heißt „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche„) und ich das Vergnügen hatte, einen großartig misanthropischen Österreicher auf dem Podium zu erleben.
Neben dieser Konstante österreichischer Gedankenwelt gibt es bei Franz Schuh, den ich, da ich aus einem nicht näher zu beschreibenden inneren Zwang heraus eine Kategorie finden muß, als Kulturphilosoph bezeichnen möchte, einige erhellende Ansichten über den Zustand unserer Welt zu entdecken. In einem gelungenen Essay folgt der Leser freudig den Gedanken(wirrungen) des Autors – und genau das ist meine Leseerfahrung bei Franz Schuh.
Im heute empfohlenen Buch, das den Untertitel „Ein Interview gegen mich selbst“ trägt, beantwortet Schuh Fragen, die ihm entweder im Laufe der Jahre gestellt worden oder die er sich selbst stellt. Welchen Sinn das macht? Lesen wir mal rein:

Ich hatte plötzlich die Idee, einige der Fragen, die mir im Laufe der Zeit gestellt wurden, zu sammeln, um sie neu zu beantworten. Außerdem nehme ich die Chance wahr, mir selbst Fragen zu stellen, die nun zusammen mit den Fragen der anderen einen Dialog ergeben. Ich spiele mit dem Prinzip von Frage und Antwort – das heißt, ich nehme alle Fragen so, als ob ich sie selbst gestellt hätte, und alle Antworten so, als ob ein Fremder sie gegeben hätte. Und dann wieder umgekehrt: Als hätte mir wer anderer diese Fragen gestellt, und ich würde sie selbst beantworten. Im Interview als einer gründlichen, gleichwohl fiktiven Selbstbefragung entseht unter anderem die reizvolle Situation: Wer ist stärker? Ich oder Ich?
Aber ich will zugeben, dass es nicht diese Kokettereie, diese altbekannte Paradoxie der Selbstbespiegelung ist, die die „Memoiren“ hier ins Leben ruft. Es ist der mich prägende Hang zur gesprochenen Sprache. Seit ich denken kann, habe ich mit diesem Denken die größten Glücksmomente in der freien Rede erlebt. Im Interview, der schriftlichen Fassung der Möglichkeit, seine Gedanken beim reden zu verfertigen, wird einiges von diesem Glück bewahrt. Das Sammeln der Fragen und das Stellen der neuen Fragen war eine Art Memorieren, ein Rekapitulieren des Fragwürdigen. Viel mehr in diesem Sinne als in dem von Lebenserinnerungen heißt das Buch „Memoiren“.

(S. 8f)

Neben seinem stilistischen Können gibt es einen anderen Punkt, weswegen ich Schuh gerne empfehle: Er nimmt die Kultur in ihrer Gänze Ernst. Schuh schließt aus seinen Betrachtungen die Massenkultur, hier insbesondere das Fernsehen, nicht aus, sondern ein. Es gibt beim ernsthaften Nachdenken über die Kultur, die in und für Massenmedien entsteht, einiges zu entdecken (Schuh, bekennender Trash-Anhänger, zu „Big Brother“ u.ä. : „Die waren mir – ganz ohne Ironie – zu intelligent. Da sind konstruktive Intelligenzen am Werk, die eine inszenierte Realität auf der Ebene der Alltagsrealität halten wollen. Dass man ein Konstrukt für ein Nichtkonstrukt halten soll, dass man das Alltägliche zu einem Vorzeigemodell umdeutet (das wiederum in den Alltag Eingang findet), ist ein hochkünstlerisches Prinzip.“, S.13).
Ich könnte hier noch etliche weitere Stellen zitieren, die erhellende Schlaglichter auf die Frage nach dem Glück oder dem Verhältnis von Erinnern und Vergessen oder ganz anderen Themen werfen, aber das geneigte Lesepublikum möge dies selbst entdecken. 😉

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