Das Buch zum Sonntag (4)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich dem geneigten Lesepublikum zur Lektüre:

Martin Suter: Die dunkle Seite des Mondes

Wieder mal ein Quereinsteiger ins Schriftstellerleben. Und wieder einmal ein Autor aus der Schweiz. Martin Suter war zunächst als Werbetexter und Werber tätig – und dies mit einigem Erfolg (Präsident des Art Director Clubs wird auch in der Schweiz nicht jeder ;)). Seit 1992 veröffentlichte er Kolumnen („Business Class“, „Richtig leben mit Geri Weibel“), in denen er die Welt der ach so wichtigen Manager, Anwälte… kunst- und ich möchte sagen genußvoll vorführt.
„Die dunkle Seite des Mondes“, erschienen im Jahre 2000, ist sein zweiter Roman. Geschildert wird das Leben des Wirtschaftsanwaltes Urs Blank, 45, äußerst erfolgreich und spezialisiert auf Fusionen.
Er hat sein Leben, samt Gefühlsleben, vollkommen im Griff und erfüllt auch sonst alle gängigen Staranwaltskriterien.
Eines Morgens nun entscheidet er sich in Anbetracht des schönen Wetters, nicht mit dem Taxi zur mittäglichen Essensverabredung zu fahren, sondern zu Fuß eine Abkürzung durch einen kleinen Park zu nehmen.
Dort nimmt er an einem Verkaufsstand einen unbestimmt vertrauten Duft war.

„Was riecht so?“ fragte er das junge Mädchen hinter dem Stand. Sie trug einen chinesischen Seidenmantel und mehrere der Seidenschals aus ihrem Angebot. Mit einem hatte sie die Überfülle ihrer schwarzen Locken aus dem Gesicht gebunden.
Als sie aufschaute, sah er, daß ihre Stirn mit einem goldenen Kastenzeichen geschmückt und ihre Lider schwarz umrandet waren.
Was ihm einen Moment die Sprache verschlug, war die Farbe ihrer Augen. Sie waren nicht schwarz, wie das von ihrer Aufmachung her zu erwarten war, sondern von einem blassen Blau wie bei einem Huskie. Sie lächelte und schien nicht im geringsten erstaunt über den Mann im Maßanzug an ihrem Stand. „Es sind fünf Dürfte, welchen meinen Sie?“
Das Mädchen fächelte ihm mit beiden Händen die Rauchfäden gegen die Nase, einen nach dem anderen. Schmale Silberreifen klingelten an ihren Armen. „Den hier meine ich.“
Sie schnupperte. „Sandlewood. Vierzehn Franken.“
Urs Blank bezahlte und steckte das Päckchen in die Manteltasche.

(S. 18)

Wirkt belanglos, nicht wahr? Und doch ist dies die entscheidende Stelle des Buches. Was ich an diesem Roman, neben seiner bitterbösen Entlarvung diverser, ich sage mal, aufgeblasener Wichtigtuer, sehr schätze, ist Suters raffinierte Art, Unheil und Katastrophen schleichend, geradezu unmerklich aufzubauen. Jeder kleine Schritt wirkt vollkommen harmlos, natürlich, nachvollziehbar. Und läßt so jederzeit das Gefühl bestehen, wirkliche Gefahr bestünde nicht.

Und nun: Lest selbst.

lieferbare Ausgaben

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Das Buch zum Sonntag (4)

Ein Gedanke zu “Das Buch zum Sonntag (4)

  1. Lohnt es, Martin Suter zu lesen?Der deutschsprachige Literaturbetrieb wird unverändert von so genannten „Edelfedern“ bestimmt. Sie entscheiden darüber (oder versuchen es zumindest), wer „gute“ oder „schlechte“ Literatur verfasst. Dabei kann es gelegentlich zu Stellungskriegen zwische…

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