Das Buch zum Sonntag (2)

Für die morgen beginnende Woche möchte ich eines meiner erklärten Lieblingsbücher empfehlen, eines, das bei der berühmten Was-würden-Sie-auf-eine-einsame-Insel-mitnehmen-Frage ganz weit oben auf der Liste steht.

William Goldman: Die Brautprinzessin.

Goldman ist von Hause aus Drehbuchautor (2 Oscars, einer für „Butch Cassidy and Sundance Kid“ und einer für „All the President´s Men“) und hat diesen Roman 1973 veröffentlicht.
Die Geschichte der Brautprinzessin ist eingebettet in eine Rahmengeschichte, in der Goldman von einer offenbarenden Literaturerfahrung aus seiner Kindheit berichtet. Als zehnjähriger Junge liegt er krank im Bett und dort liest ihm sein Vater ein Buch vor. Mit dem Effekt, daß der 10jährige, der sich bisher im wesentlichen für Baseball und vergleichbar populäre Sportarten interessierte, von nun an ein Buch nach dem anderen verschlang.
Inzwischen selbst Vater eines 10jährigen Jungen möchte er diese Erfahrung weitergeben und schenkt seinem Sohn zu dessen 10. Geburtstag „Die Brautprinzessin“. Sein Sohn jedoch legt das Buch im zweiten Kapitel weg. Goldman, der den Text ja nie selbst gelesen hat, ist verständnislos und beschließt, das Buch selbst zu lesen. An dieser Stelle möchte ich mal zitieren:

Ich schlug die Titelseite auf, was komisch war, denn ich hatte es noch nie getan; es war immer mein Vater gewesen, der das Buch in der Hand hatte. Ich mußte lachen, als ich den vollen Titel sah, denn da stand:

DIE BRAUTPRINZESSIN
S. Morgensterns
klassische Erzählung von
wahrer Liebe
und edlen Abenteuern

Einen, der sein eigenes Buch klassisch nannte, noch bevor es erschienen war und irgendwer es hatte lesen können, mußte man schon bewundern.[…] Je mehr ich weiterblätterte, desto mehr wurde mir klar: Morgenstern schrieb gar kein Kinderbuch, er schrieb eine Art satirische Geschichte seines Landes und des Verfalls der Monarchie in der westlichen Zivilisation.
Aber mein Vater hatte mir nur die Kolportage vorgelesen, die spannenden Teile. Um die ernsthaften Teile hatte er sich überhaupt nie gekümmert.

(S. 32f.)

Damit hätten wir also die Ausgangssituation. Goldman beschließt, eine Ausgabe der „spannenden Teile“ zu erstellen. Und die liegt dem geneigten Leser nun vor.
Was jetzt folgt, ist eines der köstlichsten Werke, die ich je gelesen habe. Es ist, natürlich, vordergründig eine klassische Liebes- und Abenteuergeschichte, mit allem was dazugehört („Fechten. Ringkämpfe. Folter. Gift. Wahre Liebe. Haß. Rache. Riesen. Jäger. Böse Menschen. Gute Menschen. Bildschöne Damen. Schlangen. Spinnen. Wilde Tiere jeder Art und in mannigfaltigster Beschreibung. Schmerzen. Tod. Tapfere Männer. Feige Männer. Bärenstarke Männer. Verfolgungsjagden. Entkommen. Lügen. Wahrheiten. Leidenschaften. Wunder.“ (S.12)), aber es ist gleichzeitig ein Spiel mit den Erwartungen des Lesepublikums, voller ironischer Brechungen und permanenter Irreführung des Lesers.
Ich kann dies guten Gewissens hier verraten, ohne zu spoilern – denn ich bin sicher, ihr werdet genauso hereinfallen.

Eine letzte Stelle, für mich persönlich eine der wichtigsten, einer der Gründe, warum ich dieses Buch meinen Kindern zu Lesen geben werde, möchte ich noch zitieren. Goldman erzählt in einem seiner Kommentare als Editor von einer Begegnung mit Edith Neisser.

Und ich weiß noch, einmal, wie wir kalten Tee auf ihrer Veranda tranken, und direkt vor der Veranda war ihr Badminton-Platz, und ich sah zu, wie ein paar Jungen spielten, und Ed hatte mich eben eingekoffert, und als ich vom Platz ging, zu der Veranda, da sagte er, „mach dir nichts draus, das gleicht sich schon noch aus, nächstesmal kriegst du mich klein“, und ich nickte, und dann sagte Ed, „und wenn nicht, dann schlägst du mich eben in irgendwas sonst.“
Ich ging auf die Veranda und trank kalten Tee, und Edith las so ein Buch, das sie gar nicht weglegte, als sie sagt, „das stimmt nicht notwendig, weißt du“. Ich sagte, „wie meinen Sie das?“
Und jetzt erst legte sie ihr Buch hin. Und sah mich an. Und sprach es aus: „Das Leben ist nicht gerecht, Bill. Wir erzählen unseren Kindern, daß es gerecht ist, aber das ist eine Gemeinheit. Es ist nicht bloß eine Lüge, es ist eine grausame Lüge. Das Leben ist nicht gerecht, ist es nie gewesen und wird es nie sein.“

(S. 213f.)

lieferbare Ausgaben:

http://bit.ly/1wPZjdz

P.S.: Das Hörbuch mit Bela B. ist ebenfalls zu empfehlen. 😉

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Das Buch zum Sonntag (2)

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