Das Buch zum Sonntag (3)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich zur Lektüre:

Irina Denezkina: Komm

Das Buch erschien 2002 auf Russisch, bereits ein Jahr später auf deutsch. Es handelt sich hierbei um den Debutroman der Autorin, die 1981 geboren wurde und Journalistik studierte.
Die Zeit um 2000 war eine höchst interessante Periode der russischen Gegenwartsliteratur. Es gab eine gewisse Aufbruchstimmung, ein Gefühl des Wandels und es wurden viele, insbesondere auch junge SchriftstellerInnen gedruckt und übersetzt, die unter anderen Umständen wohl weniger wahrgenommen worden wären (Jerofejew, Pelewin, Kurkow etc.). Das hat sich seit einigen Jahren wieder gewandelt, aus bekannten Gründen.
In diese Zeit also fällt Frau Denezkinas Erzählungsband, dessen Erzählungen sich durch ein hohes Tempo und eine unmittelbare Darstellung auszeichnen. Sie zeigt recht unverblümt eine großstädtische Jugend, deren Leben aus Erotik, Musik, Alkohol und Gewalt zu bestehen scheint, die auf der Suche ist, ohne genau benennen zu können, wonach, Figuren, die mit ihrer Rolle in der Gesellschaft spielen – insgesamt eine Generation, die eine Freiheit fühlt und lebt, für die der Rahmen fehlt.
Wirklich interessant wird sie für mich jedoch, weil sie zwar authentische Figuren zeichnet und dies wahrscheinlichst aus unmittelbarem Erleben, dabei jedoch die schriftstellerische Distanz behält, was ihre Personen eben nicht zu Fotografien, sondern zu literarischen Figuren macht und weil sie schreiben kann. Es gibt bei aller Direktheit, bei aller Gewalt immer wieder eine Zärtlichkeit in ihren Texten, eine Kraft zur poetischen Gestaltung, ohne je in die Nähe der Kitschgefahr zu geraten und ohne Reportage zu werden.

Russische Literatur hat es hierzulande nicht einfach – ich persönlich kann mir nicht erklären, warum. Ich bin erklärter Anhänger der russischen Prosa. Und Frau Denezkina schreibt ausgesprochen russisch. 😉

lieferbare Ausgaben:

http://www.buchhandel.de/default.aspx?strframe=titelsuche&caller=vlbPublic&nSiteId=11&Func=Search&stichwort=denezkina%20komm

Auch hier ist das Hörbuch zu empfehlen, auch wenn die Lesung von Frau Haberlandt nicht alle Erzählungen enthält.

Advertisements
Das Buch zum Sonntag (3)

Die lachenden Erben

Die UNESCO hat also entschieden, daß ein Elbtal mit Autobahnbrücke irgendwie anders aussieht als ohne.
Da aber unglücklicherweise das Elbtal ohne Autobahnbrücke erhalten werden sollte, blieb der UNESCO wohl nichts anderes übrig, als festzustellen, daß das Erbe verloren ist.
Über die Starrsinnigkeit vor Ort wurde reichlichst geschrieben.
Und auch die Tatsache, daß das wunderbare föderale System so hervorragend funktioniert, daß ein Bürgerentscheid in Dresden es ermöglicht, völkerrechtliche Verträge zu ignorieren, lasse ich hier mal außer Betracht.
Viel interessanter finde ich die Reaktion in Dresdner Politikerkreisen und so etlichen BürgerInnen in der Stadt.
Denn deren Aussagen offenbaren ein völliges Mißverständnis der Welterbeliste. Die Liste ist keine Sammlung von touristischen Reisetipps. Die Idee hinter der UNESCO-Liste und den damit verbundenen Verträgen ist eigentlich, für die Menschheitsgeschichte relevante Gebäude, Landschaften, Kunstwerke etc. zu schützen, Verantwortung für ihren Erhalt zu übernehmen. Deshalb konnte beispielsweise Quedlinburg auch Mittel vom Bund bekommen, um seine Altstadt zu sanieren.
Daß der Erhalt solcher Denkmäler samt Erwähnung in den diversen Publikationen zur UNESCO-Welterbeliste zu einem Zustrom von Touristen führt und damit der Welterbetitel eine wirtschaftliche Bedeutung bekommt, ist durchaus nicht unbeabsichtigt, aber eben eher Mittel zum Zweck (nämlich der weiteren Erhaltung).
Und eben diese Wirkung scheint mir im Dresdner Selbstverständnis, gepaart mit einer ordentlichen Portion Arroganz, die ursprüngliche Idee des Welterbetitels verdrängt zu haben.
Wirklich großartig wird es aber dann, wenn bedauert wird, daß die UNESCO keinen Respekt vor Bürgerentscheiden habe. Knaller. Da stellen sich sich also Menschen hin, für die es in Anbetracht einer Autobrücke zweitrangig ist, daß ein internationales Gremium eine Kulturlandschaft für so wichtig hält, daß sie ihr Bedeutung für die gesamte Menschheit zubilligt, und klagt mangelnden Respekt davor ein, daß es eben den Menschen, die dort wohnen, wichtiger ist, staufrei aus oder in die Stadt zu kommen? Und da reden wir noch gar nicht davon, daß den Dresdnern ja nach Bekanntwerden der UNESCO-Bedenken keine Gelegenheit gegeben wurde, diese Wichtung noch einmal zu überdenken. Stattdessen wurde da ein Bürgerentscheid instrumentalisiert – und da wagt man es, über mangelnden Respekt zu reden?
Und das, wo sich Dresden doch bitte schön ganz freiwillig zum Erhalt des Elbtals verpflichtet hat. Oder hat irgendjemand Dresden zu einer Bewerbung um die Aufnahme ins Weltkulturerbe gewzungen? Mangelnder Respekt der UNESCO? Weil die der Meinung ist, Verträge seien nunmal einzuhalten? Geht´s noch?

Im Übrigen teile ich den Optimismus der Dresdner Entscheider nicht so uneingeschränkt. Natürlich wird der Tourismus in Elbflorenz nicht zusammenbrechen. Und mit der Waldschlößchenbrücke wird man einen weiteren festen Punkt in der Sightseeing-Tour haben („Und hier sehen Sie die Brücke, die Dresden dem Welterbetitel vorgezogen hat.“ – „Ahhh“). Aber: Ich bin mir nicht sicher, ob die Nichterwähnung in den Publikationen der nächsten Jahre zum Weltkulturerbe, die Nichtberücksichtigung bei Rundreiseprogrammen zu Welterbstätten etc. wirklich ohne Auswirkungen bleiben wird.

Soweit also meine unsortierten Gedanken zu dieser Problematik und nun noch eine Anmerkung des Hausheiligen zum Förderalismus deutscher Prägung:

„Aber was wir noch alles haben, und wofür in diesem Lande, das von der
Tuberkulose durchseucht ist und dessen Säuglingssterblichkeit nicht kleiner wird, noch Geld übrig ist, das ist schon ganz lustig. Hamburg hat einen Gesandten in Berlin (ob der auch einen Dolmetscher hat, ist noch nicht ganz heraus), – Preußen hat einen Gesandten in Dresden, jedes kleine Ländchen hat den ganzen Aufbau der großen Ministerialmaschine noch einmal, und ich kann mir die von Stolz und Wichtigkeit geschwellte Brust eines solchen Mannes vorstellen, wenn auch er ganz wie ein richtiger Erwachsener Minister spielt.“
[in: Das Reich und die Länder. Werke und Briefe: 1922, S. 36. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 9504 (vgl. Tucholsky-DT, S. 302) (c) Rowohlt Verlag]

Die lachenden Erben

Die Meute

Wer kennt das nicht?
Egal, ob Rabattaktion, Sonderverkauf oder gar Neueröffnung. Es spielen sich immer wieder dieselben Dramen ab.
Diejenigen Mitglieder des geneigten Lesepublikums, die das Glück haben, im Einzelhandel arbeiten zu dürfen, werden das Szenario kennen:
Die Mitarbeiter mit dem alleinseligmachenden Ladenschlüssel in der Hand werden sehnsüchtig erwartet, als stünde die Ankunft des Heilands oder gar St. Baracks persönlich bevor.
Allerdings mit einer unglaublichen Ungeduld, die sich indirekt proportional zur bis zur offiziellen Ladenöffnung fehlenden Zeit verhält. Die Angst, wieder mal zu kurz zu kommen, wieder mal was zu verpassen, wieder einmal nicht auf der Siegerseite zu stehen – wie ja so oft im Leben, treibt die Menschen zu seltsamen Verhalten.
Da wird an Türen geklopft, da werden die Mitarbeiter angeblafft („He, was machen Sie denn so lange?“, „Wenn alle so arbeiten würden…“, „Kein Wunder, daß hier nie jemand was kauft.“), es spielen sich Unmutszenen ab, als stünden wir kurz vor der Revolution, weil dem Volke die elementaren Rechte vorenthalten werden.
Wer einmal in einer solchen Meute gestanden hat, weiß, wie man Revolutionen anzettelt: Mit Rabatten und geschlossenen Ladentüren.
Einfach ganz groß „Heute Fernseher nur 10 EUR!“ ins Schaufenster hängen und dann nicht öffnen. Da hat´s sich dann aber mit „Friedliche Revolution“.

Es hilft übrigens gar nichts, den Laden wie jeden Tag pünktlich zu öffnen – denn natürlich hat der Einzelhandelsmitarbeiter nur hinten im Lager gestanden und Däumchen gedreht, einzig und allein, um Frau Erna Schmittke und Opa Alfons vom Erwerb des überlebensnotwendigen Toasters für 9.99 € abzuhalten – dafür standen sie ja auch extra schon drei Stunden vorher da. Und überhaupt ist das doch eh alles Betrug, man wird eh immer übervorteilt.
Wenn die Menschen nur genau so viel Ehrgeiz und Energie in Dinge stecken würden, die sie wirklich betreffen, bei denen ihre Existenz wirklich bedroht ist – es ginge diesem Lande besser.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, meint das Grundgesetz. Doch an jeder Wühlkiste des Landes wird sie freiwillig weggeworfen.

Und was meint der Hausheilige dazu? Hat er sowas auch schonmal beobachtet?

„Drängeln Se doch nich so . . . Nein, ich drängle gar nicht! . . . Ochse! . . . Un-
glaublich. Wir kommen ja gleich ran, wir waren zuerst hier. Warten Sie auch nochn bißchen? ne Gold-
grube, diß Geschäft, was meinen Sie! Die verdienen hier, was se wolln.“
[in: Herr Wendriner kauft ein. Werke und Briefe: 1924, S. 294. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 3270 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 3, S. 486) (c) Rowohlt Verlag]

Die Meute

Le Roi est mort

Eine der wenigen Figuren des Paralleluniversums der Unterhaltungsindustrie, die mir wirklich Leid taten, war Michael Jackson.
Ich wurde und werde das Gefühl nicht los, daß er ein armer Hund war, sein Leben lang getrieben.
Sehr schön hat das, und damit will ich es bewenden lassen, Jenny Zylka in der taz formuliert.
Ihrem Artikel schließe ich mich hiermit an.

Und verweise natürlich auf die Revolution des Musikvideos.
Sowie auf meine erste Erfahrung mit Michael Jacksons Musik. 1988, Schaulaufen in Calgary.

Möge er in Frieden ruhen.

Le Roi est mort

Das Buch zum Sonntag (2)

Für die morgen beginnende Woche möchte ich eines meiner erklärten Lieblingsbücher empfehlen, eines, das bei der berühmten Was-würden-Sie-auf-eine-einsame-Insel-mitnehmen-Frage ganz weit oben auf der Liste steht.

William Goldman: Die Brautprinzessin.

Goldman ist von Hause aus Drehbuchautor (2 Oscars, einer für „Butch Cassidy and Sundance Kid“ und einer für „All the President´s Men“) und hat diesen Roman 1973 veröffentlicht.
Die Geschichte der Brautprinzessin ist eingebettet in eine Rahmengeschichte, in der Goldman von einer offenbarenden Literaturerfahrung aus seiner Kindheit berichtet. Als zehnjähriger Junge liegt er krank im Bett und dort liest ihm sein Vater ein Buch vor. Mit dem Effekt, daß der 10jährige, der sich bisher im wesentlichen für Baseball und vergleichbar populäre Sportarten interessierte, von nun an ein Buch nach dem anderen verschlang.
Inzwischen selbst Vater eines 10jährigen Jungen möchte er diese Erfahrung weitergeben und schenkt seinem Sohn zu dessen 10. Geburtstag „Die Brautprinzessin“. Sein Sohn jedoch legt das Buch im zweiten Kapitel weg. Goldman, der den Text ja nie selbst gelesen hat, ist verständnislos und beschließt, das Buch selbst zu lesen. An dieser Stelle möchte ich mal zitieren:

Ich schlug die Titelseite auf, was komisch war, denn ich hatte es noch nie getan; es war immer mein Vater gewesen, der das Buch in der Hand hatte. Ich mußte lachen, als ich den vollen Titel sah, denn da stand:

DIE BRAUTPRINZESSIN
S. Morgensterns
klassische Erzählung von
wahrer Liebe
und edlen Abenteuern

Einen, der sein eigenes Buch klassisch nannte, noch bevor es erschienen war und irgendwer es hatte lesen können, mußte man schon bewundern.[…] Je mehr ich weiterblätterte, desto mehr wurde mir klar: Morgenstern schrieb gar kein Kinderbuch, er schrieb eine Art satirische Geschichte seines Landes und des Verfalls der Monarchie in der westlichen Zivilisation.
Aber mein Vater hatte mir nur die Kolportage vorgelesen, die spannenden Teile. Um die ernsthaften Teile hatte er sich überhaupt nie gekümmert.

(S. 32f.)

Damit hätten wir also die Ausgangssituation. Goldman beschließt, eine Ausgabe der „spannenden Teile“ zu erstellen. Und die liegt dem geneigten Leser nun vor.
Was jetzt folgt, ist eines der köstlichsten Werke, die ich je gelesen habe. Es ist, natürlich, vordergründig eine klassische Liebes- und Abenteuergeschichte, mit allem was dazugehört („Fechten. Ringkämpfe. Folter. Gift. Wahre Liebe. Haß. Rache. Riesen. Jäger. Böse Menschen. Gute Menschen. Bildschöne Damen. Schlangen. Spinnen. Wilde Tiere jeder Art und in mannigfaltigster Beschreibung. Schmerzen. Tod. Tapfere Männer. Feige Männer. Bärenstarke Männer. Verfolgungsjagden. Entkommen. Lügen. Wahrheiten. Leidenschaften. Wunder.“ (S.12)), aber es ist gleichzeitig ein Spiel mit den Erwartungen des Lesepublikums, voller ironischer Brechungen und permanenter Irreführung des Lesers.
Ich kann dies guten Gewissens hier verraten, ohne zu spoilern – denn ich bin sicher, ihr werdet genauso hereinfallen.

Eine letzte Stelle, für mich persönlich eine der wichtigsten, einer der Gründe, warum ich dieses Buch meinen Kindern zu Lesen geben werde, möchte ich noch zitieren. Goldman erzählt in einem seiner Kommentare als Editor von einer Begegnung mit Edith Neisser.

Und ich weiß noch, einmal, wie wir kalten Tee auf ihrer Veranda tranken, und direkt vor der Veranda war ihr Badminton-Platz, und ich sah zu, wie ein paar Jungen spielten, und Ed hatte mich eben eingekoffert, und als ich vom Platz ging, zu der Veranda, da sagte er, „mach dir nichts draus, das gleicht sich schon noch aus, nächstesmal kriegst du mich klein“, und ich nickte, und dann sagte Ed, „und wenn nicht, dann schlägst du mich eben in irgendwas sonst.“
Ich ging auf die Veranda und trank kalten Tee, und Edith las so ein Buch, das sie gar nicht weglegte, als sie sagt, „das stimmt nicht notwendig, weißt du“. Ich sagte, „wie meinen Sie das?“
Und jetzt erst legte sie ihr Buch hin. Und sah mich an. Und sprach es aus: „Das Leben ist nicht gerecht, Bill. Wir erzählen unseren Kindern, daß es gerecht ist, aber das ist eine Gemeinheit. Es ist nicht bloß eine Lüge, es ist eine grausame Lüge. Das Leben ist nicht gerecht, ist es nie gewesen und wird es nie sein.“

(S. 213f.)

lieferbare Ausgaben:

http://bit.ly/1wPZjdz

P.S.: Das Hörbuch mit Bela B. ist ebenfalls zu empfehlen. 😉

Das Buch zum Sonntag (2)

Jack Sparrow for President

Das gestern beschlossene Zensurgesetz (und um nichts anderes handelt es sich, wie schon nach kürzester Zeit klar wurde, da Herr Strobl ja schon nach wenigen Stunden eine Erweiterung fordert) hat bereits im Vorfeld, aber auch im direkten Umfeld zu massiven Erschütterungen bei häufig jungen Menschen geführt.
Diese, politisch durchaus interessierten, Menschen sind insbesondere von der SPD enttäuscht. Die Union galt nicht wenigen eh als unwählbar und gestrig, aber das peinliche Verhalten der SPD in einer offenbar als Nagelprobe zu verstehenden Debatte, in der die Sozialdemokraten ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem „Kröten schlucken“ (Martin Buchholz) nachgingen und eine nach der anderen herunterwürgten, hat viele nicht nur an der SPD, sondern z.T. sogar am ganzen System verzweifeln lassen. Wie zum Beispiel Anke Gröner, die den Glauben an die FDGO verloren hat. Oder Johnny Häusler, der auf Spreeblick der SPD auf Nimmerwiedersehen wünscht und Thorben Friedrich bringt es in seinem offenen Brief, in dem er seinen Austritt ankündigt, auf den Punkt, wenn er schreibt:

Tritt das Gesetz in Kraft, trete ich aus der SPD aus und verabschiede mich von einer meiner Generation fremden Partei.

Unter den Kommentatoren des taz-Artikels zum Bundestagsbeschluß befindet sich denn auch der Nutzer „Gerüst“, der meint:

19.06.2009 14:15 Uhr:
Von Gerüst:
Ich war 16 Jahre lang treuer SPD-Wähler. Nun werden die meine Stimme nie wieder bekommen. Diese Partei lügt und betrügt und ist es nicht mehr wert gewählt zu werden.
Armes Deutschland!
Gott sei Dank gibt es mittlerweile Alternativen!

Gemeint ist wohl die inzwischen zu einiger Berühmtheit gelangte Piratenpartei, die in Schweden ja ein Europaparlamentsmandat errangen.
Auf der Suche nach Alternativen kann hier tatsächlich eine Generation fündig werden, für die das Internet, die digitale Welt überhaupt, Bestandteil der eigenen Lebenswirklichkeit, nicht selten der persönlichen Identität ist. Diese Partei greift entschieden und deutlich Fragen auf, die der „Generation online“ wichtig sind. Fragen und Problemkreise einer Generation, die sich sonst nur kaum bis gar nicht im etablierten Parteienspektrum wiederfindet, die nicht selten ignoriert werden, die arrogant beiseite geschoben werden (die Petition mit 134.000 (!!!) Mitzeichnern wird nonchalant in der nächsten Legislatur beraten, wo dann eine „Würdigung“ des beschlossenen Gesetzes vorgenommen werden kann, wie der Petitionsausschuß mitteilt).
Kurz:
Die Piratenpartei trifft den Nerv einer Generation. Sicher, sie erscheint momentan etwas monothematisch, aber dies ist kein Hindernis für eine erfolgreiche Etablierung, wie wir ja bereits an den Grünen sehen konnten, die auch eher mit einem klar umgrenzten Themenspektrum, dafür aber mit großer Mobilisierungskraft, gerade unter Jüngeren, antraten.
Unter diesem Aspekt halte ich die Piratenpartei für die spannendste Neugründung der letzten Jahre, jedenfalls alle mal relevanter als die unzähligen „Generationenparteien“ wie 50plus, Rentnerpartei oder Die Grauen, die nicht viel mehr zu bieten haben, als eben „Rentner“ im Namen stehen zu haben. Auch den Esoterikern bei den Violetten traue ich keine Relevanz zu. Aber, das kann natürlich auch daran liegen, daß ich die tiefere Wahrheit, die diese Welt im Innersten zusammenhält, noch nicht erkannt habe (was wahrscheinlich an meinem miesen Karma liegt) oder mal wieder die Aura putzen und die Chakren sortieren muß.

Das einzige, was mir Sorgen macht, ist die weitere Aufsplitterung einer im weitesten Sinne „progressiv“ zu nennenden Gesellschaftsschicht, der ein alles in allem immer noch recht kohärenter konservativer Block gegenüber steht. Ich habe das Gefühl, daß da die progrssiven Kräfte mal wieder ihren Lieblingsfehler begehen und sich lieber gegenseitig zerfleischen, als gemeinsam und entscheiden vorwärts zu gehen.

Soweit meine unsortierten Gedanken dazu und zum Schluß noch ein Kommentar des Hausheiligen:

Deutschland! wach auf und besinne dich!
Nur einen Feind hast du deines Geschlechts!
Der Feind steht rechts!
[in: Preußische Presse: Werke und Briefe: 1919, S. 232. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 1342 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 109) (c) Rowohlt Verlag]

Jack Sparrow for President

Ich bin der FDP dankbar

Und das kommt selten genug vor. Freilich, die Damen und Herren werden ihre Motive haben, aber nichtsdestotrotz: die Antwort der Budnesregierung auf Kleine Anfrage der FDP sollte jedem des Lesens Kundigen die Augen öffnen über die unfaßbare inhaltliche Grundlage des gestern beschlossenen Internetzensurgesetzes.
Kurz zusammengefaßt läßt sich sagen, die Bundesregierung hat keine Ahnung, ob ein über kommerzielle Webseiten organisisierter Markt für Kinderpornographie überhaupt existiert, geschweige denn wie er überhaupt organisiert ist. Und das, was sie nicht weiß, hat sie noch nicht einmal selbst herausgefunden, sondern sich von anderen Regierungen erzählen lassen.
Etwas zugespitzt, aber die Lage sehr gut verdeutlichend, haben die Kollegen bei ODEM die Antwort zusammengefaßt.
Sehr hilfreich in diesem Zusammenhang auch die Zusammenstellung der ZEIT zu den schlicht unsachlichen Argumentationen Frau von der Leyens (aka „Zensursula“).
Aber, letztlich, was wollen wir erwarten, wenn selbst Staatsanwälte in Prozessen um Internetkriminalität sich von den Angeklagten erstmal erklären lassen müssen, was sie da eigentlich so anklagen und wie das überhaupt so geht mit dem Zwischennetz. Bestes Beispiel dazu: Der Pirate-Bay-Prozess
Mir stellt sich hier nun die Frage:
Warum das alles? Was steckt dahinter?
Handelt es sich hier nur um den üblichen Aktionismus wie beim Waffengesetz, dessen Verschärfung ja auch nichts ändert, aber das beruhigende, wohlige Gefühl gibt, irgendetwas getan zu haben?
Oder geht es um mehr? Ist der nun eingetretene Dammbruch, nämlich Seiten für Nutzer sperren zu dürfen, wirklich nur blauäugig oder gar gewollt? Immerhin zensiert China das Netz ja auch nur, um gegen Pornographie und Terrorismus vorzugehen. Und dagegen kann man ja nun wohl nichts haben, oder?
Ich werde das Gefühl nicht los, daß StaSi2.0-Schäuble da die Ursula nur vorgeschickt hat.
Und die hat sich dann ja auch gleich mit voller Leidenschaft ins Zeug geworfen und allen Ernstes behauptet, diese Stopp-Schilder wären ein wirksames Mittel gegen die Vergewaltigung von Kindern. Gleichzeitig freilich bleibt straffrei, wer auf solche Seiten surft. Der ganze Aufwand dient also noch nicht einmal dazu, irgendjemanden zu belangen.
Ich mußte dabei an diese wunderbare Szene in „Independance Day“ denken, in der dem Präsidenten erklärt wird, warum er nie über die tatsächliche Existenz von Area 51 aufgeklärt wurde: „100% glaubwürdiges Dementi“. Und genau so überzeugend wirkt Frau von der Leyen. So, als würde sie das tatsächlichen GLAUBEN.
Ich persönlich glaube derzeit, es geht hier um mehr. In welche Richtung genau, ist mir noch nicht klar. Eine allerdings hat die CDU/CSU selbst ja schonmal zugegeben.
In der Pressemitteilung zur Niederlage der Kritiker in der SPD steht: „Damit ist eine gefährliche Entwicklung gestoppt worden. Unter Berufung auf eine angebliche Internetzensur durch den Staat wollten die Linksaußen in der SPD durchsetzen, dass das Internet zum rechtsfreien Raum wird. Die SPD wäre dadurch Gefahr gelaufen, Straftaten im Internet Vorschub zu leisten, von der Vergewaltigung und Erniedrigung kleiner Kinder bis hin zu Urheberrechtsverletzungen in breitestem Ausmaß gegenüber Künstlern und Kreativen.“
Aha. Es wird also immer nur um Kinderpornographie gehen? Wers glaubt, wird selig.
Diese ganze Sache samt schlichten Ignorierens einer 134.000-Unterschriften-Petition (ach halt, wird ja gar nicht ignoriert, man berät ja schon in der nächsten Legislatur darüber…) ist derartig frustrierend, daß ich allmählich geneigt bin, in den Politiker-Bashing-Chor einzustimmen.

Soweit für heute meine unsortierten Gedanken dazu und zum Schluß noch ein Kommentar des Hausheiligen in Sachen Dammbruch bei der Zensur, seinerzeit gegen das „Schmutz- und Schundgesetz“:

Heute ist es noch ›Der Junggeselle‹ und das ›Berliner Leben‹, heute sind es noch die
nackten, unwahrscheinlich dünnen Beine jener Figurinen in usum masturbantium; morgen ist es eine unwillkommene Wandervogelzeitschrift, eine Schulpublikation für revolutionär empfindende Schüler – und übermorgen sind es, woran kein Zweifel: wir.
Die bestehende Gesetzgebung reicht aus, um das in der Literatur zu verbieten, was wahrhaft schädlich und häßlich ist: die Auslegung der Paragraphen durch die Gerichte ist weit genug. Mehr brauchen wir nicht. Und mehr hieße, unter anderm, die Wirkung dieses Schundes überschätzen.
[in: Eveline, die Blume der Prärie: Werke und Briefe: 1926, S. 477. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 4559 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 505) (c) Rowohlt Verlag]

Ich bin der FDP dankbar